Konstantin Klein 2017

Von einem, der auszog, das Internet vollzuschreiben

31. Januar 2017
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Migrationshintergrund

"Give me your tired, your poor/Your huddled masses yearning to breathe free"

„Give me your tired, your poor/Your huddled masses yearning to breathe free“

Es war im Jahr 1938, als die 22jährige Münchnerin Liane sich für die Auswanderung entschied. Ihr geliebter Stiefvater hatte sich erschossen, weil er als Jude nicht in die Hände der Nazis fallen wollte; in einem Land, in dem so etwas möglich war, wollte sie nicht bleiben. Ihr Chef, der Münchner Vertreter einer italienischen Firma, besorgte ihr einen Job in der New Yorker Niederlassung und die erforderlichen Papiere, und im Jahr 1939 traf Liane in New York ein. Sie verliebte sich, heiratete, brachte zwei Söhne zur Welt und starb erst 2006 im hohen Alter.

Fast 30 Jahre später, im Jahr 1968, führte Lianes Bruder Harald, der in München den Krieg überlebt hatte, mit seiner Frau Gespräche, in denen das Wort „Auswanderung“ vorkam. In diesem Jahr, am 28. April, hatte die NPD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg 9,8 Prozent der Stimmen gewonnen und war in den Landtag eingezogen. Und 1969 waren die nächsten Bundestagswahlen…

Der Stuttgarter Erfolg der NPD blieb der einzige. Bei der Bundestagswahl scheiterte die Partei an der Fünfprozenthürde, wenn auch nur knapp. Und sowieso waren Harald und Frau eher reiseunlustige Menschen, denen der Sommerurlaub in Italien schon Entfernung genug war.

Wieder fast 30 Jahre später steckte Haralds Sohn in einer unerwarteten beruflichen Krise. Zusammen mit seiner Frau beschloss dieser Sohn, wir wollen ihn Konstantin nennen (weil er so heißt), die Chance zur Auswanderung zu nutzen und – vorerst für ein paar Jahre – in die USA zu gehen. Tante Liane und die ganze amerikanische Verwandtschaft hieß das gut und das Paar willkommen, eine Tochter kam auf die Welt und hat jetzt zwei Pässe. Und wenn sich nicht die beruflichen und privaten Umstände anders entwickelt hätten, würde ich heute noch aus den USA bloggen. So wie ich es vor 17 Jahren angefangen hätte.
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30. Januar 2017
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Ich habe gelesen

Bis vor kurzem glaubte ich, an dieser Stelle zu allem selbst eine Meinung entwickeln, schreiben und haben zu müssen – speziell zu unserer politischen Lieblingsdaseinsform, der Demokratie. Was Quatsch ist, denn andere haben auch was zu sagen – auch wenn es durchaus nicht immer erfreulich ist.

Ich habe gelesen, heute und sicher nicht zum letzten Mal als Trump-Ausgabe, und heute und sicher nicht zum letzten Mal mit englischem Lesestoff:

  • Trial Balloon for a Coup? Analyzing the news of the past 24 hours von Yonatan Zunger, medium.com. Steile Thesen sind nun mit ein Grund dafür, dass sich der Nachrichten-Überdruss verbreitet, wie gerade erst zitiert. Und Hitler- und Staatsstreichvergleiche sind mir eigentlich viel zu billig, auch im Zusammenhang mit einem so unberechenbaren Präsidenten wie Trump. Aber bei der Lektüre dieses Textes wurde mir – buchstäblich – schlecht.
  • America’s Founding Fathers Warned Us About Men Like Donald Trump von Jim Sleeper, Alternet. Die Gründerväter sind in politischen Diskussionen in den USA so etwas wie der Ferrari Testarossa im Sportwagen-Quartett: sie schlagen alles, und wer sie zieht, hat schon gewonnen. Und warum soll man nicht auch mal Benjamin Franklin als Kronzeugen für die Demo- und gegen die Kleptokratie heranziehen?
  • Auch anderswo schon gelesen (aber nicht gemerkt), und nicht ganz unproblematisch, weil Ferndiagnose: Das Porträt des Präsidenten als Outsider. The Outer Borough President von McCay Coppins, The Atlantic. Eine Analyse der Unsicherheiten des Donald Trump und ihrer Wurzeln in Queens, das eben nicht Manhattan ist.
  • Vorgestern erst war Data Privacy Day (in Europa Data Protection Day), und schon macht sich Trump daran, beiden, privacy wie protection, für us foreigners ein Ende zu setzen – natürlich unter dem schicken Titel Executive Order: Enhancing Public Safety in the Interior of the United States. Zeit, sich für dieses und jenes außeramerikanische Anbieter zu suchen – auch das wird immer wieder ein Thema auf diesen Seiten sein. So gesehen, gibt es sogar eine gewisse Kontinuität zu den Seiten, die gerade erst von dieser Seite verschwunden sind.

30. Januar 2017
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Re-Boot

Boot-Vorgang - ein Boot auf dem Großen Segeberger See

Re-Boot-Vorgang (Symbolbild)

Es ist gerade mal fünf Tage her, da schrieb der Freund und Kollege Don Dahlmann sich auf Facebook seinen Frust vom Leibe. Unfassbar (für einen Journalisten jedenfalls), was er da schrieb:

Ich habe vor circa vier Wochen aufgehört Nachrichten zu schauen oder zu lesen. Und wenn ich sage „aufgehört“ dann meine ich das auch so. Kein Sponline, keine Tagessschau oder sonst was. Nichts, nada, niente. […] Meine Zurückhaltung in Sachen Nachrichten hatte zum einen etwas damit zu tun, dass in meinem Leben schon genug schlechtes los war, da habe ich auswärtige Nachrichten zusätzlich nicht benötigt. Zum anderen lag es aber auch daran: Ich kann das alles nicht mehr ertragen. Und vor allem: ich kann das alles nicht mehr lesen.

Denn die Online Newsportale schreiben nicht mehr, sie schreien nur noch.  […]

Es ist ein Wettstreit um die Aufmerksamkeit des Lesers entstanden und denn offenbar wird nur geklickt, was möglichst nach viel Aufregung klingt. Also schreibt man alles möglichst so, dass es nach maximaler Aufregung klingt. Ein Fest der Superlative, der permanenten Emotion und Schnappatmung.

Vor vier Wochen habe ich festgestellt, dass ich das alles nicht mehr will. […]

Ich mag das neue Gefühl in meinem Leben, dass mich nichts anbrüllt, mir Angst oder ein schlechtes Gewissen macht. Ich mag das Gefühl der Ruhe.

""Ich

Warum ich das so ausführlich zitiere? Weil es mir, ich gebe es zu, ähnlich ging in den letzten Wochen und Monaten. Zwar habe ich weiter Nachrichten gelesen (alles andere wäre für einen Redakteur einer Nachrichtenredaktion nicht machbar). Doch die Lust, sich mit dem Gelesenen auseinanderzusetzen, ging gegen Null – aus den gleichen Gründen, aber auch, weil mich das Gelesene noch mehr deprimierte, als es das Leben mit mir ohnehin tut.

Die Folge: Ich hatte beschlossen, mein Blog K [journ.] dichtzumachen. Die Daten sind gesichert, der Hostingvertrag gekündigt, ohne große Abschiedworte wollte ich mich von der Bühne schleichen. In meinem neuen Job (selber Arbeitgeber, neue Funktion, neuer Ort) würde ich schon genug ins Netz schreiben. Und tschüss.
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