Der Mailchat

Und wenn es noch so oft behauptet wird: E-Mail ist nicht tot, sie riecht noch nicht einmal besonders komisch, sie dient – zumindest in meinem kleinen Internet – inzwischen nur zu anderen Zwecken als vor, sagen wir: zehn Jahren. Mail tausche ich vor allem aus mit Maschinen (Bestellbestätigungen, Rechnungen, Newsletter, auch diesem WordPress hier) und nur noch selten mit echten Menschen und noch seltener für sehr persönlichen Austausch. Die Mailmenschen, das sind vor allem solche, die mir sonst „einen WhatsApp schicken“ wollen oder über ihre persönliche Mailphase einfach noch nicht hinausgewachsen sind. Andere, die mir nahestehen, habe ich in mühevoller Kleinarbeit davon überzeugt, sich Signal zu installieren – und sie nutzen das nicht nur zum Teilen von Photos, sondern auch zur Übermittlung von wichtigen Dokumenten. Dass dies – im Gegensatz zur E-Mail – Ende-zu-Ende-verschlüsselt geschieht, und ganz ohne Aufwand, ist ein positiver Nebeneffekt.

Im finsteren Grunde meines Onlineherzens halte ich Chat für keinen adäquaten Ersatz für Mail; ich finde es schwierig, längere Nachrichten auch visuell klar zu strukturieren. Aber die Sache mit der Verschlüsselung, die quasi eingebaut ist, ist zumindest mir wichtig; den Menschen um mich herum ist sie vermutlich eher wurscht.

Und das ist der Moment, an dem – zum zweiten Mal in meinem Leben – Delta Chat an die Tür klopft. Das ist nicht noch ein Chat, der entweder Meta gehört (WhatsApp) oder zur Registrierung eine Telefonnummer verlangt (ahem, Signal!) oder sich zunehmend an Business-User wendet (Wire, aber auch Threema), sondern – Zitat:

ein Messenger, der über E-Mail funktioniert

Delta Chat Website

Ja, schlau. Damit versucht Delta Chat, gleich mehrere Klappen mit einer Fliege, äh… also schon klar, ne? Delta Chat

  • verlangt keine Registrierung
  • funktioniert über das uralte, aber auch bewährte und vor allem überall und von jedem genutzte E-Mail-Protokoll SMTP (und IMAP) und einen eingerichteten Mailaccount, also etwas, das jeder Netzbürger schon hat
  • bietet die fast ebenso alte, aber ebenfalls bewährte Verschlüsselung nach dem PGP-Prinzip, aber ohne den Hassel, die eigene Mail mit PGP aufzupimpen

Wie funktioniert das Ganze? Delta Chat ist im Grunde ein Mailprogramm im Chat-Gewand. Dargestellt werden die Nachrichten ähnlich wie in WhatsApp & Co., gespeichert, verschickt und empfangen aber wie PGP-verschlüsselte E-Mail. Diese Nachrichten erscheinen auch, wenn der Mensch sich seinen Mailaccount im Webmailer oder im Mailprogramm seines Vertrauens anguckt, aber zum Glück nicht zwischen den anderen Mails, sondern in einem eigenen, von DeltaChat erstellten Ordner. Die Nachrichten lassen oder ließen sich auch dort lesen, wenn es einem – anders als mir – gelungen ist, entweder den ohnehin vorhandenen PGP-Schlüssel in Delta Chat zu importieren oder umgekehrt den Delta Chat-Schlüssel zu exportieren und im Mailprogramm zu nutzen.

Und weil im Wettbewerb mit WhatsApp & Co. ein verkleideter Mailclient keine Punkte macht, kann Delta Chat auch Audio- und Videocalls und nutzt dazu Jitsi; hierzu verlässt es – logisch – das Mailprotokoll und nutzt eine zentrale Jitsi-Instanz, die man aber auswählen kann. Der Mode – oder dem Marketing – entsprechend ist Delta Chat der Crossover unter den Mailprogrammen. Pardon, den Chatprogrammen.

Die Idee ist an sich genial. Und warum nutzen es dann nicht alle?

Nun ja, das Übliche halt. Delta Chat gibt es erst seit ein paar Jahren (ich habe Verweise aus dem Jahr 2019 gefunden, und in einer früheren Instanz dieses Blogs habe ich selbst darüber geschrieben), also erst, seit der Markt längst aufgeteilt war in WhatsApp-Nutzer und den klugen, aber kleinen Rest. Und als einer, der Jahre damit verbracht hat, Menschen von WhatsApp weg- und hin zu Signal zu locken, weiß ich, wie schwer es ist, anderen Netzbürgern noch’nen Chat aufzuquatschen.

Aber einen Versuch ist es wert.

Ach ja, Nachtrag: Auch wenn es an dieser Stelle mit der Föderierung des Blogs noch nicht so klappt – Delta Chat ist auch im Fediverse vertreten!

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