Eigentlich ist es doch ganz einfach: Man erklärt den Menschen um sich herum, dass WhatsApp ä-bäh ist, und schon sind sie bereit, sich auf einen anderen Messenger einzulassen.
Hamwa jelacht.
Erstens ist es überhaupt nicht einfach, Menschen von WhatsApp wegzulocken. Selbst wenn es gelingt, ihnen die Ä-bähheit eines Facebook-Produktes klarzumachen (Profilerstellung, Nachverfolgung durchs Netz, ungefragte Sammlung der Daten von unbeteiligten Dritten - so Zuckerberg-Zeug eben), kommt unweigerlich das Argument: “Aber alle anderen sind doch bei WhatsApp - wie sollen die mich/soll ich die denn künftig erreichen?” Es geht also nicht darum, einzelne Mitmenschen von WhatsApp weg- und zu einem anderen Messenger hinzuschleifen - es geht darum, ganze Gruppen zu überzeugen, den Schritt zu machen. Oder zu riskieren, eine Reihe von Freunden und Bekannten zurückzulassen, die einem dann eben Mails schreiben dürfen. Oder Postkarten.
Und zweitens kommt dann sofort die Frage: Wohin denn? Welcher Messenger soll’s denn sein?
- Signal? An sich einer der Guten: sichere Verschlüsselung, keine Lernkurve für bisherige WhatsApp-User, aber Konto nur mit Mobilfunknummer, und in den USA zuhause (bei AWS gehostet). Das spielt inzwischen auch eine Rolle.
- Threema? In der Schweiz zuhause (“Die Berge sind von besonderem Reiz…”), teilweise proprietär, teilweise Open Source. Wird als ebenso sicher angesehen wie Signal, kommt aber ohne Telefonnummer aus. Aber: Das kostet ja! Zwar nur einmal, und gerade mal € 5 (als ich das letzte Mal nachguckte), aber das scheint vielen schon zuviel zu sein.
- Wire? Auch aus der Schweiz, aber inzwischen eher auf Unternehmen zugeschnitten.
- XMPP? Nerdkram. Außerdem: Gab’s das nicht schon vor Jahrzehnten, als Google Talk damit arbeitete?
- Matrix? Nerdkram. Genaugenommen kein Messenger, sondern ein Protokoll, an das sich alle möglichen Anwendungen anflanschen können. Wie XMPP föderiert, also im schicken Fediverse zuhause. Braucht eine Mailadresse, aber keine Telefonnummer. Andererseits mit einer erstaunlich steilen Lernkurve, finde ich, und ich komme sonst ganz gut mit neuen Systeme, Anwendungen, Dingsis zurecht. Vorgemerkt: Das wird noch ein Thema auf diesen Seiten.
- Delta Chat? Völlig schräg: Ist föderiert, kann also (theoretisch) von jedem gehostet werden. Basiert auf den Uraltprotokollen IMAP und SMTP, ist also mit der guten ollen E-Mail verschwistert. Verschlüsselt seine Nachrichten mit OpenPGP, was etwas, aber nicht viel jünger als E-Mail ist (stimmt nicht: Ist einen ganzen Zacken jünger, aber auch nicht mehr das langfristig Sicherste, was auf dem Verschlüsselungsmarkt zu finden ist). Kann, weil mailähnlich, keine Audio- oder Videoanrufe bzw. ist auf Drittanbieter angewiesen. Hat dafür aber eine flache Lernkurve, eigene Mailadressen können, müssen aber nicht verwendet werden, und für Mobilfunknummern interessiert sich hier keiner.
Delta Chat ist für Netzbewohner ungefähr das, was vor etwa 50 Jahren der Saab 96 für Gymnasiallehrer war: sieht komisch aus, bringt einen aber auch ans Ziel. Aber davon einen bisherigen WhatsApp-Nutzer überzeugen? Schwierig.