Eines meiner kleinen und nicht sonderlich schmutzigen Geheimnisse ist eine nostalgische Vorliebe für die Produkte von Netscape Mozilla, also den Browser Firefox und den Mail-Client Thunderbird. Das hat damit zu tun, dass ich mich immer noch daran erinnere, wie ich vor über dreißig Jahren in einem Mansardenzimmer südlich von Berlin mit dem Netscape Navigator erstmals entdeckte, dass Datex-J, CompuServe und AOL nicht das Internet waren, sondern allerhöchstens ein Teil davon.
Firefox steht derzeit im Regal, wg. Brave & so, aber Thunderbird ist zumindest auf meinen beiden Linuxrechnern der Briefkasten meiner Wahl. Diese Mischung aus legacy tech und ein bisschen zeitgemäßem Design - hach!
Und so war ich vor einigen Monaten schwer begeistert, als ich las, dass die Thunderbird-Organisation nicht nur neidisch auf den Erfolg von GMail schielen, sondern selbst so etwas bauen will: Thundermail. Donner noch eins! Ein weiteres meiner Geheimnisse ist meine (bald nicht mehr zeitgemäße?) Faszination für gute E-Mail- und Webmail-Lösungen, also: Rauf auf die Warteliste und nach der erfolgten Einladung rein ins early-bird-Programm.
Um es kurz zu machen: Stand heute (30. Juni 2026) ist das eine Enttäuschung. Das Entwickler- und Supportteam ist (über einen Matrix-Kanal, auch etwas, das ich erst lernen musste - mehr dazu bald auf diesen Seiten) jederzeit erreichbar, ausgesprochen hilfsbereit und dabei immer freundlich. Aber das ist leider auch nötig:
-
Thundermail ist in der Alpha-Phase. Anders lässt sich das nicht ausdrücken. Ja, der Service funktioniert, hat aber viele offene Baustellen.
-
An einer Zweifaktoren-Authentifizierung wird noch gearbeitet.
-
Eigene Domains werden unterstützt. Aber die Feinheiten dazu, nämlich eine gültige DKIM-Signatur und/oder eine gültige DMARC-Deklaration, scheinen noch Probleme zu machen. Mit meiner Testdomain war das in zwei Tagen Matrix-Hin-und-her erledigt. Aber ein, zwei Wochen später meldete der nächste early bird das gleiche Problem an. Sollte nicht passieren, wenn das angeboten wird, früher Vogel hin oder her.
-
Die offensichtlich von vielen ersehnte Thunderbird-Webmail ist in einem Pre-Alpha-Stadium, wurde auf der Prioliste erst kürzlich nach oben geschoben und soll in den nächsten Monaten kommen. Hm. Immerhin: Auf Feedback reagiert man schnell.
-
Was ich ein wenig, hm: seltsam finde: Für den early bird-Zugang ist sofort ein ganzes Jahresabo von $ 72 fällig. Nun gut, habe ich bezahlt und werde das Jahr nutzen, um die weitere Entwicklung zu beobachten. Schade finde ich so eine unschöne Überraschung trotzdem.
-
Auf der Website werben die Donnermailer damit, dass ihr Server in Deutschland steht und damit europäischen und deutschen Gesetzen unterliegt. Ja, das ist richtig - aber ein IP-Lookup verrät nicht nur, dass der Server (hoffentlich ein Cluster, nicht wirklich nur einer) in Frankfurt/M. steht, sondern auch, dass er von AWS betrieben wird. Das ist auch einem User im Matrix-Kanal aufgefallen, der danach gefragt hat. Die Antwort machte einen ehrlichen, aber auch etwas naiven Eindruck: Man habe lang darüber diskutiert, sich aber im Interesse des zuverlässigen Aufbaues einer Mail-Infrastruktur dafür entschieden.
Nun ja. Ich betrachte das ausgegebene Geld einerseits als Lehrgeld für bzw. eher gegen meine eigene Techbesoffenheit, andererseits als Unterstützung eines Projektes, aus dem noch etwas werden kann. Meinen eigentlichen Mailverkehr werde ich aber so schnell nicht zu Thundermail verlegen.