Vielleicht bin ich zu ungeduldig. Vielleicht habe ich das Konzept, ein early bird zu sein, nicht richtig verstanden. Vielleicht ist aber auch das Projekt “Thundermail” weniger weit fortgeschritten, als ich in meiner ersten Begeisterung gedacht hatte.
Ich gebe zu: Ich bin ein ungeduldiger Mensch, und ich weiß, was es bedeutet, ein Projekt dieser Größenordnung zu realisieren - ich war in meinem Berufsleben mit einigen solcher Projekte befasst. Aber wenn ich Thundermail, wie es heute ist, vergleiche mit anderen privatsphären- und datenschutzorientierten Mailanbietern, wenn ich außerdem den Preis betrachte, den die Donnermailer für ihr Produkt schon in der Alphaphase (hey, ein Wort mit zwei “pha”!) verlangen, und der mal eben das Anderthalbfache bis Doppelte beträgt von dem, was diese anderen Anbieter für ein erheblich ausgereifteres Produkt verlangen…
Beispiel: Thundermail bietet die Benutzung eigener Domains an. Das funktioniert auch - wenn man Thunderbird oder einen anderen Mailclient benutzt und dort einen oder mehrere Aliasse mit der eigenen Domain einträgt. Mails von diesen Adressen werden korrekt DKIM-signiert, auch wenn es damit gelegentlich Probleme beim Empfänger gibt. In der hauseigenen Webmail-Oberfläche (frühe Alpha, ich gebe es zu) tauchen die Aliasse aber nicht auf, ebensowenig in externen JMAP-Clients, die das eigentlich unterstützen sollten.
Noch ein Beispiel: Eine Kontaktliste lässt sich hochladen. Beim Verfassen einer Mail in der Thundermail-Weboberfläche werden aber keine Kontakte aus dieser Liste vorgeschlagen. OK, kann ich auch selbst reintippen - aber das scheint mir doch eine sehr grundlegende Funktion zu sein.
Zusätzliche Kalender zu dem einen, der von Haus aus angeboten wird, soll man einrichten können - aber wie, habe ich nicht herausfinden können. Sogar in Thunderbird gibt es diese Möglichkeit nicht - dort kann man bereits angelegte Kalender abonnieren, aber keine neuen anlegen.
Und noch ein Beispiel: Beim Verfassen einer Mail in der Weboberfläche lassen sich bisher weder CC- noch BCC-Adressaten eingeben.
Alles noch sehr basic, und wenn ich im Userchat lese, wie begeistert andere ihren Mailverkehr von GMail (wir erinnern uns: nicht nur ein Datenstaubsauger, sondern ein Anbieter mit einer wirklich ausgereiften Weboberfläche) zu Thundermail umschaufeln, denke ich mir , dass es dafür vielleicht ein wenig zu früh ist. Wenn ihr weg wollt von GMail, dann geht doch zu mailbox oder - wenn ihr aus dem englischsprachigen Teil der Welt kommt - von mir aus auch zu Proton oder Fastmail.
Beide beziehen nämlich gerade ein neues Zuhause: Proton will seine Server Schritt für Schritt nach Deutschland umziehen, und Fastmail, privatsphärenorientiert, Mitentwickler des oben schon erwähnten schnellen Mailprotokolls JMAP und Entwickler einer Weboberfläche, gegen die sogar GMail alt aussieht, aber eine australische Firma, deren Server leider in den USA stehen, hat die Zeichen der Zeit erkannt und bietet jetzt Server in Amsterdam als Zuhause der Kundenmails an. Ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn die Abrechnung immer noch über US-Server läuft…
Schade, der Stand von Thundermail. Ich werde bei Gelegenheit sicher mal wieder vorbeigucken. Aber die Luft ist ein wenig raus aus meiner Erwartungshaltung.
Ach ja: warum es hier so ruhig war in letzter Zeit? Private Gründe. Soll’s geben, das.