Zwischen Aufschrei und Wahrheitsfindung

Wie soll ich anfangen? Also: Gil Ofarim, Sänger, Deutscher und Jude (die Reihenfolge ist egal), wollte in einem Leipziger Hotel einchecken. Der Vorgang lief irgendwie aus dem Gleis, Ofarim sah sich beleidigt und postete ein entsprechendes Video auf Instagram. In diesem Video erhob er schwere Antisemitismusvorwürfe gegen Mitarbeiter des Hotels.

Der darauf folgende Aufschrei war laut – zu Recht. Antisemitismus ist, wie jede Form von kollektivem Hass, eine gesellschaftliche Krankheit, und ein von ihm betroffener Mensch hat das absolute Recht, öffentliche Klage zu erheben und darauf hinzuweisen, was ihm angetan worden ist.

Nur: Was Ofarim am Empfang des Hotels in Leipzig widerfahren ist, ist seitdem Gegenstand von staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Die dauern erfahrungsgemäß länger, als die öffentliche Aufmerksamkeit und die damit einhergehende Empörung anhalten. Bis jetzt sind sie nicht abgeschlossen – was jedoch die Bild am Sonntag und die Leipziger Volkszeitung nicht davon abhielt, vom derzeitigen Stand der Ermittlungen zu berichten. Und da sieht es in der Zusammenfassung der Tagesschau, die ich lieber zitiere als die Bild am Sonntag, plötzlich aus, als würden Überwachungsvideos des Hotels Ofarims Vorwürfe nicht eindeutig bestätigen.

Und das ist der Anlass für meine Überlegungen hier. Denn natürlich weht auch jetzt wieder ein Sturm durch die sozialen Medien – wobei ich mich nur auf Twitter beziehen kann, weil ich andere Plattformen weitgehend meide. Und wie zu erwarten war, weht der aktuelle Sturm an diesem Wochenende Ofarim ins Gesicht, unappetitliche Anspielungen auf ihn und seine Motive inbegriffen. Dieser Sturm ist aus meiner Sicht ebenso ekelhaft und unakzeptabel wie die geschilderten Vorgänge am Check-in des Hotels.

Wenn sie denn stimmen.

Denn das ist genau mein Problem mit der ganzen Geschichte. Klar – welchen Grund sollte Ofarim für seine Vorwürfe haben, wenn sie nicht auf einer wahren Begebenheit beruhten? Andererseits hatten die von mir weiter oben verlinkten, weil in meiner Sicht seriöseren Medien durchaus klar gemacht, dass zumindest einer der angeschuldigten Mitarbeiter des Hotels eine andere Sichtweise auf die Vorgänge hat. Aus einer Anklage ist ganz rasch – und erwartbar – eine Situation geworden, in der Aussage gegen Aussage steht.

Was ich jetzt gut gebrauchen könnte, wäre Gewissheit. Die unschöne Gewissheit wäre, dass ausgerechnet Mitarbeiter eines Hotels, also eines Unternehmens der industriellen Gastfreundschaft, eine fremdenfeindliche, im konkreten Fall: antisemitische Einstellung nicht nur haben, sondern offen aussprechen. Eine alternative Gewissheit wäre, dass Ofarim vielleicht etwas falsch verstanden hat und sich angegriffen fühlte, ohne angegriffen worden zu sein.

Weil es Gewissheit aber frühestens dann gibt, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind, bleibt uns Beobachtern nach den Gesetzen der Social Media einstweilen nur, uns auf die eine oder andere Seite zu schlagen und, digital verstärkt, lautstark Empörung zu äußern. Selbstverständlich in der eigenen Bubble. Da, wo die „gute“ Aufregung zuhause ist.

Wirklich?