Zwei Herzen…

…wohnen, ach, in meiner Brust (J.W. von Goethe), oder: Was kümmert mich mein dummes Geschwätz von gestern? (unbekannt, evtl. K. Adenauer)

Aber ganz von vorne: Von Januar bis Juli 2006 war ich intensiver Nutzer von Google Mail (oder, wie wir early adopters gerne sagen: Gmail), wickelte mein gesamte Mailerei darüber ab, und grad pfundig war’s (L. Trenker). Dann, nicht ganz, aber doch fast von einem Tag auf den anderen, war Schluss mit lustig, und ich verabschiedete mich komplett von Gmail. Unter den Gründen die mangelnde Unterstützung meines Lieblings-Mailprotokolls IMAP, mit dem ich Gmail auch mit einem Mail-Client wie Opera Mail oder Apples eigenem Mail.app hätte betreiben können, aber vor allem:

…ich fühle mich nicht sonderlich wohl bei dem Gedanken, dass meine Mail irgendwo auf der anderen Seite der Welt gesammelt und indiziert wird. Nicht, dass ein Maildienst in Europa oder die Mailfunktion des gemieteten Servers sehr viel sicherer wären – aber dort werden die Daten nur gespeichert, nicht auch noch verarbeitet.

Vor allem letzteres hat mich gestört: dass Google die Mail von einer Maschine indizieren und (u.a.) für die kontextsensitive Werbung auswerten lässt. Auf fremden Servern gespeichert (und damit theoretisch wie praktisch Zugriffen z.B. von Behördenseite ausgeliefert) ist jegliche Mail, egal, wie der Provider heißt.

Zurück in die Gegenwart: Zu meinem demonstrativen Auszug aus der Gmail-Welt nebst konsequentem Google-bashing gehörte der lautstarke Umzug in eine kleine, aber unabhängige community irgendwo im schönen Texas. Ich konfigurierte dort meine Mail nach Herzenslust, liess immer noch alles auf dem Server, aber es störte mich nicht, weil der Einzige, der sich dort darum kümmerte, ich selbst war. Ich hatte weder Angst vor europäischen noch vor amerikanischen Heimatschützern, weil ich, wohl zu Recht, annahm, dass alles, was ich dort tat, unter dem offiziellen Radar durchging.

Schade nur, dass kleine Server auch nur kleine Leistung bringen, und dass man in der community auf die Hilfe anderer angewiesen ist, sie aber nicht einfordern kann.

Wickle ich also meine Mail inzwischen längst wieder über einen kommerziellen Dienst ab (via IMAP, versteht sich!), und die einst unabhängige, inzwischen kaum noch genutzte texanische Mail-Adresse ist seit gestern aus Gründen von Performanz und Zuverlässigkeit auf – Achtungachtung! – Gmail umgeleitet (.forward ist Dein Freund!) – weil sowieso nichts relevantes dort zu finden ist, weil das Gmail-Interface nach wie vor genial ist, und weil Gmail demnächst auch für meinen Account IMAP-fähig wird.

Ja, Gmail ist bei den Webmail-Anbietern technisch wieder ganz vorne – und bei den Web-Applikationen (Textverarbeitung, Tabellenkalkulationen, Präsentationen) auch, was mich nach einem Jahr konsequentem Google-Ignorieren (wenn wir von Google-Suchen und Google-Maps absehen) doch sehr überrascht hat. In der Hinsicht bin ich wohl der letzte, der den Weg von heimischen hin zu netzbasierten Anwendungen gezeigt bekommen hat – quasi IMAP für Büroanwendungen. Manchmal lebt man eben unter einem Felsbrocken.

Das grundsätzliche Problem bleibt: Meine Daten, ob nun Mail, Text oder Tabelle, liegen bei Nutzung dieser Dienste dort, wo ich sie nicht bis ins letzte kontrollieren kann. Sie liegen bei einem Anbieter, der in Sachen Kunden-Datenschutz ein, sagen wir, widersprüchliches Bild abgibt. Aber sie sind überall verfügbar, und sie lassen sich in einer Art be- und verarbeiten, wie sie dem Durchschnittsuser vollauf genügt.

Ich sehe Google nicht als meinen künftigen Lieblingsprovider für alles – dazu ist mir das Google-bashing inzwischen zu sehr zur Gewohnheit geworden, und die sogenannten sensitiven Daten habe ich doch lieber da, wo ich sie sicher glaube. Aber das, was Google uns da vormacht, ist schlicht die künftige Art der Arbeit mit dem Rechner, bald so oder so ähnlich auch von anderen angeboten. Und Anbieter von Desktop-Software können sich warm anziehen.

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