Berlinfilme, zwei

Berlin (Symbolbild)
Berlin (Symbolbild)

Es ist Samstagabend, kurz vor Mitternacht, das erste Bier des Abends steht geöffnet neben mir, und ich bin bereit für ein Geständnis: Ich liebe Berlin.

Klar, nicht so, wie man eine Frau oder einen Mann liebt, aber „Ich habe Berlin lieb“ klingt noch bekloppter. Also bleibt es bei der ursprünglichen Formulierung. Und weil es so ist, und weil ich heute abend niemandem damit auf die Nerven hätte fallen können, habe ich mir ein häusliches double feature geleistet: Berlin – Die Sinfonie der Großstadt von Walter Ruttmann (1927), und gleich im Anschluss Berlin: Sinfonie einer Großstadt von Thomas Schadt (2002). Beide Filme beschreiben ohne Worte einen Tag im Leben der Stadt, begleitet von symphonischer (ja, mit „y“, „m“ und „ph“ statt i, n und f – ist schließlich mein Blog, das hier!) Filmmusik. Den Ruttmann-Film habe ich zum fünften, sechsten, siebten Mal gesehen, den von Thomas Schadt zum ersten.

An der Idee und an der Umsetzung durch Walter Ruttmann im Jahr 1927 muss was drangewesen sein; ich meine: fünf-, sechs-, siebenmal geguckt! Expressionistische Bilder, eine für damalige Verhältnisse revolutionäre Schnitt-Technik, ein Blick in eine Welt, die geografisch genau hier war, zeitlich gerade mal 86 Jahre her ist und doch sehr sehr fern: Pferdefuhrwerke auf den Straßen, arbeitende Massen in Fabriken – und ein Höllenverkehr! Dazwischen Anklänge an das damals noch nicht so lange versunkene Kaiserreich und Eindrücke von der frühen Moderne in Berlin (bevor die Nazis alles zugermanisiert hatten). Und: eine Stadt mit Ecken, Kanten und Brüchen, aber keine verstörte, zerstörte Stadt. Zwischen dem ersten Krieg, der die Vergangenheit abgeschlossen hatte, und dem zweiten, der die Zukunft auf unbestimmte Zeit verschieben sollte.

Und dann, 75 Jahre später, wieder in schwarzweiß, wieder mit Filmsymphonik, der Film von Thomas Schadt. Genaugenommen habe ich das Berlin, das er abbildet, so nicht erlebt, weil ich erst zwei Jahre später wieder in diese Stadt zog; aber selbstverständlich ist das Berlin von 2002 mir vom Blick aus dem Fenster viel vertrauter als das Ruttmannsche.

Vielleicht liegt’s daran, dass mich der jüngere Berlinfilm unzufrieden zurückgelassen hat. Vielleicht kenne ich die Oberfläche des Berlins von heute so genau, dass mir der Blick hinter die Fassade von Häusern und Gesichtern stärker fehlt als beim Rückblick nach 1927. Vielleicht ist auch der dritte Schwenk über DDR-Platten und der vierte über Baulücken, die auch 55 Jahre nach dem 2. Weltkrieg noch nicht gefüllt waren, ein wenig zu platt (oder zu leer) als Hinweis darauf, dass diese Stadt Berlin ziemlich gründlich in Trümmer gelegt und auch danach von der Weltgeschichte nicht nur freundlich behandelt wurde. Vielleicht ist es aber auch das filmische Handwerk, das mit den Bildern von 2002 längst nicht so revolutionär, so aufrüttelnd wirkte wie mit denen von 1927. Immer wieder musste ich denken: „Warum nimmt der keine Farbe? Wir wissen doch, dass es 2002 schon Farbfilm gab. Bzw. Video.“

(Dabei wieder interessant, dass ich mir wider besseres Wissen die Vorkriegsvergangenheit gerne schwarzweiß vorstelle und immer etwas zusammenzucke, wenn Guido Knopp mal wieder Farbaufnahmen aus der Vorkriegszeit ausgebuddelt hat.)

Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass der Film von Thomas Schadt noch ein paar Jahrzehnte liegen muss, um den gleichen Zauber zu entwickeln wie der Blick ins Jahr 1927, als Berlin noch jünger war, kraftvoller und voller Hoffnung. (Habe ich schon gesagt, dass ich Berlin liebe?)

Wer sich das double feature ebenfalls geben will: Berlin, die Sinfonie der Großstadt kostet bei Amazon € 25,09 (Komma null neun?), Berlin: Sinfonie einer Großstadt € 17,99.