Neuzugang zur Mailtabelle

Als ich neulich, ein munteres Liedchen auf den Lippen, meine Übersicht der von mir getesteten und mehr oder weniger empfohlenen Mailanbieter aktualisierte und an dieser Stelle darauf hinwies, meldete 1. sich ein Leser und 2. Zweifel an:

Gute Frage. Und sie wird auch nicht weniger gut, wenn man weiß, dass Torsten Grote als „Kolab Evangelist“ beim Anbieter von MyKolab arbeitet. Ich mein, nur weil einer Geld dafür bekommt, ein Angebot zu promoten, soll er es plötzlich nicht promoten dürfen? Ebent.

MyKolab.com bei der Arbeit
MyKolab.com bei der Arbeit

Auftritt MyKolab.com, ein Mail- und Groupware-Angebot aus der Schweiz. Kurz gefasst, bietet MyKolab Web- und andere Mail, einen Kalender, eine Kontaktverwaltung und die Möglichkeit, all dies auch in der Gruppe zu nutzen. Für Gruppen > 1 (also Familien, kleine oder auch nicht so kleine Unternehmen, Weltkonzerne und wilde Internethaufen) gab es bis vor ein paar Jahren nur kommerzielle, aufwändige und teure Produkte (Microsoft Exchange, Lotus Notes etc.); inzwischen haben auch Mailanbieter für Privatkunden derartige Lösungen im Angebot: Das hier vorgestellte Angebot von mailbox.org, das mit der Groupware-Lösung Open-Xchange arbeitet, ermöglicht seit diesem Sommer Inhabern von Familienaccounts das gemeinsame Verwalten von Terminen und Kontakten.

Nun also MyKolab.com, das laut dem hauseigenen Evangelisten einzige Angebot, das Freie Software aus eigener Produktion verwendet (s.o.). Aha. In meiner Mailtabelle finden sich nun mehrere Anbieter, die mit eigener Software, vor allem eigenen Weboberflächen arbeiten; aber es stimmt – sie behalten ihre hauseigenen Lösungen für sich. Wer sich dagegen bei MyKolab.com einloggt, sieht sich…

…mit dem bekannten und bewährten Webmailer Roundcube konfrontiert, der beispielsweise auch bei posteo.de und vielen anderen zum Einsatz kommt. Auf die entsprechende Frage antwortet der Evangelist aus dem Tweet vom Anfang dieser Geschichte per Mail:

Heute wird aber de facto fast ausschließlich Roundcube eingesetzt. Dies ist zwar ursprünglich nicht auf unsere Initiative hin entstanden, aber die Weiterentwicklung seit Version 0.7 wird komplett von uns gestemmt. […] obwohl es wirtschaftlich eher schädlich ist, veröffentlichen wir es weiter als Freie Software und stellen es somit auch unseren Konkurrenten zur Verfügung.

Dazu liefert Grote noch einen Link zum Weiterlesen mit.

Ein Vorteil des Selbermachens ist, dass man auch Features anbieten kann, die in die allgemein verfügbare Software erst später einfließen könnte. Trotzdem bietet MyKolab.com eine gusseisern solide Arbeitsoberfläche an, mit der man fast so gut arbeiten kann (manche, darunter der Autor dieser Zeilen, meinen sogar: besser) wie mit einem Desktop-Client – den MyKolab ebenfalls anbietet (staun!), wenn auch derzeit nur für Windows und Linux. Der Client baut auf dem KDE-Informationsmanager Kontact auf, den ich früher gerne benutzt habe und inzwischen wegen einer gewissen Behäbigkeit eher nicht mehr mag. Behäbig bin ich selber, dazu brauche ich keine Software.

Zwei persönliche Minuspunkte: Die MyKolab-Oberfläche lässt sich ganz prima mit der Maus und nur so mittelprima mit Tastatur-Shortcuts bedienen (da ist die Oberfläche von FastMail ungeschlagen, knapp gefolgt von der von GMail!). Und sie ist (anders als ebenfalls FastMail oder auch Open-Xchange) nicht für Mobilgeräte mit kleineren Bildschirmen (also Funkquatschen) angepasst; dort bleibt nur die Möglichkeit, mit lokalen Clients Mail, Kalender und Kontakte zu verwalten.

Sicherheit liegt bei MyKolab in den Händen der Nutzer: Wer verschlüsselt mailen will, muss das selbst machen, hat damit aber auch die volle Kontrolle über die eigenen Schlüssel bzw. Zertifikate:

Wir gehen auch ganz offensiv damit um, da in unseren Augen serverseite Verschlüsselung nur Sicherheit vortäuscht und das ist gefährlich für die, die wirkliche Sicherheit brauchen.

Was serverseitig getan werden sollte, wird aber auch getan: Mail wird verschlüsselt übertragen, und wenn von der Gegenstelle unterstützt, auch mit PFS. Und: Serverstandort und Gerichtsstand ist die Schweiz, das Land, in dem sie mal das Bankgeheimnis erfunden haben (was immer das heute noch bedeuten mag).

Bleibt die Kostenfrage. Und die – hey, es sind Schweizer! – wird ein wenig intransparent beantwortet. Der Mensch kann sich seinen MyKolab-Account nämlich selbst zusammenkonfigurieren, was Funktionsumfang und Speicherplatz angeht, was eine leicht undurchsichtige Preisstruktur ergibt. Der billigste Nur-Mail-Account kostet CHF 4,41/mo., mit Kalender sind wir bei CHF 8,72/mo., und mit eigener Domain und mobiler Synchronisation (die anderswo inbegriffen ist) steigt der Preis schon über 10 Franken/mo. Das Angebot von MyKolab.com ist also ein wenig wie ein Schweizer Messer: solide, nützlich, brauchbar – und immer ein klein wenig teurer als die Konkurrenz.

Die Ergebnisse habe ich in die Mailtabelle aufgenommen. Empfehlenswert ist MyKolab.com aus meiner Sicht für Menschen, die Groupware tatsächlich und intensiv nutzen, und die der EU und ihren Mitgliedsstaaten in Sachen Datenschutz nicht viel weiter über den Weg trauen als USA, UK, AUS & Co. Ob das Vertrauen in Schweizer oder andere Nicht-EU-Anbieter wirklich gerechtfertig ist, muss zumindest bis zum Beweis des Gegenteils angenommen werden; letztlich ist aber doch jeder auf sich selbst gestellt.

Disclosure: MyKolab.com hat mir für diese Geschichte einen kostenfreien Testaccount eingerichtet.