Zeitmaschine

Jetzt weiß ich, warum es früher mehr Spaß gemacht hat, WorldWideKlein bzw. Nothing But The Truth bzw. The Daily Durchblick bzw. The Very Large Orange (oder wie das jeweilige Weblog oder Nicht-Blog eben hieß) zu lesen: Die WaybackMachine zeigt mir, dass ich früher einfach besser geschrieben habe – hier und hier. Ein eher zufällig herausgegriffenes Beispiel, vom 13. Mai 2001:

EinsDreissig ist inzwischen die Norm. Ob Radio- oder Fernsehredakteure – alle bestellen sie EinsDreissig. Alles über zwei Minuten ist Luxus, jenseits von ZweiDreissig beginnt das Feature. Kurzberichte dagegen sind bis zu einer Minute lang, allerhöchstens EinsZehn. Und aus dem letzten Satz können wir folgern: EinsDreissig ist nicht kurz.

Höhö.

Für einen beidseits befriedigenden Geschlechtsverkehr beispielsweise ist EinsDreissig skandalös kurz – soll aber schon vorgekommen sein. Habe ich mir sagen lassen. Für ein master piece der zeitgenössischen populären Musik sind mindestens ZweiFuffzig aufzuwenden. In EinsDreissig lässt sich nicht mal ein Big Mac, die Inkarnation (was für ein danebenes Wortspiel, höhö!) des fast food, ohne Sodbrennen hinunterwürgen. EinsDreissig ist einfach arschkurz.

Nur für einen Tod durch Ersticken oder Ertrinken ist EinsDreissig wieder zu lang.

Begründet wird EinsDreissig in den Elektronischen Medien mit der Aufmerksamkeitsspanne des Konsumenten und seiner Lebenspartnerin, der Konsumentin. Ja wie jetzt: die Deutschen, ein von attention deficit disorder geplagtes Volk? Weil irgendwelche Kommunikationsforscher herausgefunden zu haben behaupten, dass – egal, wie interessant das Thema ist – nach EinsDreissig alle abschalten, muss ich die Welt in EinsDreissig erklären können??

Ganz nebenbei: Ich kann’s. Übe schliesslich jeden Tag.

Die Sache hat einen komischen und einen schlimmen Aspekt. Komisch ist daran, dass die selben Kommunikationsforscher, die jetzt die Aufmerksamkeitsgrenze bei EinsDreissig ansetzen, dem Publikum vor 15 Jahren noch drei Minuten Aufmerksamkeit zugetraut haben. Und schlimm ist, dass es tatsächlich Menschen gibt, die meinen, durch diese Art des Journalismus ausreichend informiert zu werden.

Disclaimer: Natürlich gibt es auch noch Sender und Sendungen, in denen Beiträge länger sein dürfen. Und natürlich ist EinsDreissig im Fernsehen etwas ganz anderes als im Radio – weil man einen Grossteil der Information in die Bilder packen und so zweigleisig fahren kann. Und trotzdem finde ich EinsDreissig manchmal zum Kotzen.

Offenbar hatte ich vor viereinhalb Jahren noch mehr Zeit am Sonntagnachmittag. Offenbar hatte ich vor viereinhalb Jahren noch mehr Dinge, die mir im Kopf herumkreiselten. Offenbar hatte ich vor viereinhalb Jahren zuwenig real life.

Genau. Das wird’s sein.