Wochenrückblick plus

Inzwischen ist alles über Google+ gesagt, nur noch nicht von jedem. Die hier angekündigte Woche (ich war schon immer ein Fan der Fünftagewoche!) ist vorbei, die am Montag gefassten Entschlüsse habe ich mehr (kein Facebook, kein Twitter) oder weniger („Eine Woche lang werde ich Google+ so nutzen, als gäbe es Facebook, Diaspora, Twitter, identica nicht. Ich werde dort lesen, dort posten, dort interagieren“ – hat sich rausgestellt, dass die Woche so arbeitsreich wurde, dass auch Google+ mit etwas weniger Aufmerksamkeit bedacht wurde, als ich vorhatte) durchgehalten.

In der Zwischenzeit haben andere kluge Menschen alles nur mögliche über Google+ geschrieben, während die große Masse des Volkes vor den Toren nicht funktionierender bzw. abgeschalteter Einladungsmechanismen murrte.

Google+ ist the next big thing. Google+ hat das Zeug zum Facebook-Killer (warum, Gottverdorri, muss es eigentlich immer gleich ein „Killer“ sein?). Google+ ist das bessere Facebook. Nein, Google+ ist das bessere Twitter. Google+ ist sozial. Nein, Google+ ist medial. Google+ geht besser mit den Daten der User um. Die Userverwaltung bei Google+ ist dysfunktional (zwei Lobolinks sind aber nun wirklich genug!). Wir sind verliebt in Google+. Google+ ist professionell. Google+ ist schlecht fürs Internet und im Übrigen zum Gähnen.

Wißt ihr was? Mit Ausnahme vielleicht der letzten Stimme, der von Dave Winer, der einen Grund hat, Google+ under par zu finden (kein RSS-Feed – und das dem Erfinder und König von RSS!), haben alle Recht. Das ist aus meiner Sicht der eigentliche Geniestreich der Google+-Leute: Sie haben das Beste aus allen bisher erfolgreichen Erscheinungsformen des Sozialnetzes genommen, haben aus den hauseigenen Misserfolgen gelernt und haben uns mit Google+ etwas hingestellt, das wie ein aufgeräumtes Facebook aussieht, wie ein weiterentwickeltes Twitter funktioniert, und was wir so verwenden können, wie wir wollen, und wie wir es brauchen – wenn wir denn sowas brauchen.

Mit Interesse beobachtet, wie schon nach zwei Tagen (hier wäre jetzt übrigens eine Textsuche ganz gut, Google, gell?) der erste seinen Facebook-Account zumacht (nun ja, stilllegt – der Mut zum Zumachen war vielleicht noch nicht da, oder er hat diese Seite nicht gekannt).

Ja aber, so fragt sich jetzt der eine oder andere seit heute nacht: Wie sind denn nun meine Ergebnisse dieser Woche? Was habe ich vermisst, was nicht?

Die große Überraschung an diesem zweiten Wochenende meiner Plusheit: Ich vermisse Twitter. Nicht Facebook, Twitter, obwohl doch Google+ selbst weniger Facebook als Twitter ist (jedenfalls was die Asymmetrie der Beziehungen angeht). Ich vermisse diese konzentrierte Dosis von Lesebefehlen, Anarchowitz und nackter Sinnlosigkeit, die aus meiner Timeline hervorgrinst. Klar, das alles gibt es auch bei Google+, und täglich mehr davon, seit es wieder Neuanmeldungen gibt. Aber die Plusses von Google+ (längere Texte, Diskussionen in der Timeline, Medien in der Timeline) sind auch Minuses – sie machen die Perlen manchmal schwer zu finden.

Facebook? Sorry, liebe Menschen, die ich – außer im richtigen Leben – nur auf Facebook wiedertreffe: Facebook war mir schon immer so lieb wie die einzige Kneipe im Dorf, der Platz, um zuverlässig alle zu finden, aber auch etwas schmuddelig, von zweifelhafter Küche und dito Angeboten, und von einem Wirt betrieben, dessen Interessen (mit Ausnahme derer, Milliardär zu werden – er hat’s geschafft, ich nicht) mit meinen diametral über Kreuz liegen. Dagegen erscheint mir Google+ sauber, klar strukturiert, und ich darf selbst entscheiden, was ich hier mache. Außerdem: no Mafia Wars, baby! Noch.

Ergebnis: Zum Glück ist in jedem Online-Leben Platz für mehr als eine Stammkneipe (Woche der hinkenden Vergleiche!). Bei Twitter werde ich künftig wieder mehr zu sehen sein, und natürlich werde ich auch meinen Facebook-Account behalten – wenn auch bis auf weiteres nur (hinkende Vergleiche!!) als Postfach für diejenigen, die mich sonst nicht zu erreichen wissen, sowie für – nicht lachen! – berufliche Zwecke.

Der eigentliche Verlierer dieser Woche: Diaspora. Schade. Update, weil vorhin vergessen: Ebenfalls zu den Verlierern gehört LinkedIn (XING? Was ist das?) Ein absolut ausreichendes Profil findet sich hier. Möglicher weiterer Verlierer: flickr. Picasaweb bzw. Google Photos bleiben Gegenstand des Interesses. Garantiert kein Verlierer: das eigene Blog.

2 Gedanken zu „Wochenrückblick plus“

  1. Trifft’s ganz gut. Von Facebook vermisse ich „nur“ die Leute. Circles vereinen das Follower- mit dem Friends-Konzept. Twitter ist (noch) was anderes und dessen Limitierungen tatsächlich Pluspunkte.

    • Stimmt. Wenn ich erst all die Digital Foreigners von Facebook nach G+ gelockt habe, wird’s eng für Facebook.

      Was ich vergessen hatte, zu erwähnen: Das Facebook-Konzept, alle Kontakte gleich als „Freunde“ zu bezeichnen, war mir immer ein wenig unheimlich. Ich habe da Leute, die ich gerne lese, mit denen ich auch gerne interagiere, die ich aber im Leben nicht als Freunde bezeichnen würde.

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