…wildly exaggerated

Allen, die gerne den baldigen Tod der E-Mail vorhersagen bzw. herbeischreiben wollen…

Im Grunde hat Volker Weber es in einem Satz (nun ja, in dreien) bündig zusammengefasst:

People use email because it works. Create mail, insert address, add file, boom. It’s the swiss army knife everybody carries.

Dem ist nichts hinzuzufü. Fast nichts. Nur das noch:

Es mag ja sein, dass Netznutzer privat zunehmend über die Facebooks dieser Welt kommunizieren. Ist sogar mir schon passiert, dass mich ein Kollege auf einer Dienstreise dringend (!) erreichen wollte und mir deshalb eine Facebook-Nachricht (WTF?) schickte, oder dass meine Tochter Twitter-DMs (gibts die noch? Die DMs?) verschickte, weil die S-Bahn Verspätung hatte (Nachricht ohne Nutzwert, da täglich vorkommend). Und es mag genauso sein, dass Mailnutzer die E-Mail für nutzlos erklären, weil sie nicht wissen, dass es Spamfilter gibt, und wie man sie nutzt.

Es bleibt aber – und hiermit komme ich im nächsten Absatz von stating the obvious zu einer (zumindest mir) neuen Beobachtung – dabei, dass E-Mail das offenste Kommunikationsprotokoll ist, das mir gerade beim zweiten Spätabendbier einfällt. Facebook gehört Facebook, Skype gehört Microsoft, das Telefon gehört den Telefongesellschaften, die Post gehört… you get the picture. Mail darf dagegen jeder, der sich an ein paar Standards hält – oder auch nicht; die meisten Mailclients nehmen auch proprietär verkorkste Mail mit.

Mail ist älter als das WWW – erheblich älter. Und sie funktioniert, wie von Weber a.a.O. beschrieben: Schreiben, addressieren, Betreff dazu (optional), und ab dafür. Firmenlösungen blieben aufs Firmennetz beschränkt, AOL-Lösungen (verschickte Mails wieder zurücknehmen – erinnert sich noch jemand daran?) auf AOL, und Empfangsbestätigungsmails sind böse haben sich zum Glück nie wirklich durchgesetzt. Was sich jetzt, schon länger bei GMail, seit neuestem bei – horribile dictu! (Damaschke et al.) – outlook.com, beobachten lässt, sind Versuche, Mail für Endverbraucher, also für Dich und mich, weiterzuentwickeln in ein anbieter- und protokollübergreifendes Medium, das nicht mehr nach den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts mieft.

Was jetzt kommt, ist die Verknüpfung mit anderen Diensten (Gravatar-Bilder, Facebook-Bilder etc. in den Nachrichtenübersichten, Verknüpfung mit To-Do-Listen, mit ifttt.com etc.) und die damit einhergehende Einbettung in persönliche Workflows, die mir entweder vorgeschlagen werden, oder die ich mir selber baue. Outlook.com bietet mir inzwischen an, Mail an Freunde auch über Twitter oder Facebook zu annoncieren (warum ich das auch immer tun sollte). Und gerade mit ifttt.com, auch mit WappWolf lassen sich interessante Workflows basteln und automatisieren – alles auf der Basis von Protokollen, die über dreißig Jahre alt sind.

shortmail.com, ein Dienst, der sonst durchaus noch Macken hat (er will partout keine Mails über 500 Anschläge durchlassen weil short mail) bietet sogar die Option, eine Maildiskussion in einen geschlossenen oder öffentlichen Nachrichten- und Diskussions-Stream umzubauen (und hatte nicht Google auch mal sowas im Angebot?).

Weil aber all diese manchmal nützlichen, manchmal auch nur doofen Neuerungen eben nicht den erprobten und gusseisernen Standards entsprechen, Damen und Herren, finden sie auch nicht in einem Mailprogramm Ihres Vertrauens statt, sondern in dem hybriden Dingsbums namens Webmail. Und hier drücke ich den Alarmknopf meines Vertrauens: Denn Webmail gehört nicht mir, sondern dem Dienst, der es mir anbietet. FreeMail soll für mich für umme sein, also wird anderweitig dafür bezahlt, bei GMail mit Werbung, die sich auf die Inhalte meiner Mail bezieht, bei GMX mit einer Kanonade von Werbung für Partnervermittlungen (was für ein Userprofil haben die eigentlich von mir??), bei outlook.com…, ja, man weiß es noch nicht so genau, weil Microsoft of all people verspricht, besser mit unseren Daten umzugehen als Google. Ich muss halt nur wissen, mit wem ich es zu tun habe.

In diesem Zusammenhang weise ich gerne auf einen Webmail-Dienst meines Vertrauens (Affiliate-Link) hin, der mich meine Mail unter allen möglichen Adressen (auch GMail, auch Outlook.com, wenn es denn sein soll) so verarbeiten lässt, wie ich will, der dafür Geld nimmt, aber nicht viel, und mich mit Werbung verschont (also hoffentlich auch kein Userprofil von mir erstellt), und der zu meiner Überraschung seit zwei Jahren den Machern des guten alten Norwegerbrowsers gehört.

Aber das gehört nicht zum Thema. Thema ist, dass E-Mail lebt wie eh und je, und dass wir – with a little help from our corporate friends – noch recht spannende Dinger damit anstellen werden. Was sind Ihre privaten Mailworkflows, und wie haben Sie sie gebaut?

5 Gedanken zu „…wildly exaggerated“

  1. Mit diesem Blickwinkel sollte man vielleicht auch die Versuche unserer Regierung betrachten, mit De-Mail einen E-Mail-Nachfolger zu etablieren. Kommerzialisierung und Zentralisierung auf wenige zertifizierte Anbieter.

  2. Famos! Richtig! Email. Email. Email. Superemail! Auf zwei Dinge sei noch schnell hingewiesen.

    1. Der tolle Artikel „Email is not broken: It’s a framework, not an application„.

    2. Die Zahlen dieser Inforgraphik. Jede Minute werden 200.000.000 Email von Usern verschickt. 100 Mal soviele wie Suchanfragen im gleichen Zeitraum bei Google eingehen. Und alle andere „Plattformen“ spielen sich im Promillebereich dazu ab. Email dominiert digitale Kommunikation bei weitem.

    Kann man auch bei mir nachlesen: Der Stellenwert von Email.

    • Der Artikel „Email is not broken“ ist z.T. wunderbar formuliert. Ein Denkfehler ist allerdings drin, jedenfalls aus meiner Sichtweise:

      Der Autor meint, man solle die Funktionen, die man mit dem Framework Email entwickeln und umsetzen will, in den Client bauen. Damit hat er Recht. Was er dabei übersieht: Auch Webmail ist ein Mailclient, nur eben einer, der nicht bei mir zuhause sitzt und arbeitet. Und wenn ein Webmail-Client (oder genauer: Webmail-Dienst) Protokolle wie IMAP und SMTP korrekt beherrscht (übrigens: outlook.com tut das nicht, sondern beschränkt sich auf das olle POP3 und Microsofts ActiveSync), dann kann ich – wenn der Webmail-Client es zulässt, natürlich auch dort alles machen, was aus der Mail der Gegenwart meine Mail der Zukunft macht.

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