Wie in alten Zeiten…

Alter Sack wird zwar nicht jünger, fühlt sich aber jünger. Mindestens sechs Jahre. Und alles nur wegen Firefox OS.

Firefox OS auf Alcatel (auf Cherry)
Firefox OS auf Alcatel (auf Cherry)

Die Neugier hat gesiegt, und ich habe mir ein Exemplar von Firefox OS zum Angucken besorgt. Firefox OS ist der Versuch der Mozilla Foundation, den Markt für Smartphone-Betriebssysteme nicht vollständig Apple und Google (und Microsoft, ja doch…) zu überlassen, und weil die beiden (ja, wirklich nur die beiden, aber Microsoft nicht) sich den Smartphone-Markt im industrialisierten Teil der Welt so ziemlich untereinander aufgeteilt haben, zielt Mozilla eben auf die Länder, in denen Smartphones noch nicht so verbreitet sind, u.a. weil die Infrastruktur fehlt. Firefox OS soll das „Smartphone light“ befeuern – wobei die Feuerkraft, nun ja, nicht so feurig wirkt.

Zurück zum ersten Satz. Testend fühle ich mich tatsächlich ins frühe 2007 zurückversetzt, als Apple das allererste iPhone (und einen dazugehörigen iPod touch, also ein iPhone ohne Phone) vorstellte. Damals verfügte Steve Jobs, dass Web-Apps genau das richtige für das neue Smartphone seien – und mit Web-Apps arbeitet auch Firefox (fast) ausschließlich.

Nun hat sich selbst Jobs davon überzeugen lassen, dass Web-Apps alleine nicht das Allergelbste vom Ei seien, und im Jahr 2008 wurde ein SDK veröffentlicht, das die Entwicklung nativer Apps ermöglichte – und zum Siegeszug der app-basierten Computerei beitrug.

Mozilla dagegen versucht es mehr als fünf Jahre später wieder mit Web-Apps – und selbst wenn sie vom Betreiber eines Angebotes selbst stammen, sind sie nur wenig aufregend. Die Facebook-App bietet nur geschätzte 50% der Funktionalitäten einer nativen iOS- oder Android-App, die von Twitter erscheint mir regelrecht kastriert. Viele Apps aus den Welten von iOS und Android finden sich gar nicht; der User ist auf unbekannte Alternativen angewiesen oder darauf, dass ein Diensteanbieter eine mobil-taugliche Website betreibt. FastMail.fm bietet da eine grandiose Mobil-Oberfläche, Drive-Now eine aus der Klasse „naja“, andere App-Anbieter verlassen sich ganz auf ihre Apps und lassen Webnutzer mit ihrem Firefox OS-Telefon im Regen stehen.

Die mozilla-hauseigene Mail-App ist kaputt einfach nur buggy; IMAP-Accounts lassen sich mal anlegen, mal nicht; mal funktioniert die App damit, mal nicht. Die Kontaktverwaltung geht so, der Kalender leidet zumindest auf dem oben abgebildeten Gerät unter der niedrigen Auflösung. Und die Fotogalerie von Firefox-OS bietet zwar erfreulich wenig vorgefertigte Filter (auch mal schön, nicht alles durch alle Filter drehen zu können), aber die bearbeiteten Bilder lassen sich nicht speichern. Was die Filter grandios sinnlos macht. Siehe Update am Ende des Artikels.

Immerhin: Der Browser ist in Ordnung. Wäre ja noch schöner bei einem web-orientierten Betriebssystem aus dem Hause Mozilla.

So sehr mich also die Festlegung auf Web-Apps an das allererste iPhone-Betriebssystem erinnert, so sehr erinnert mich die Stabilität und Funktionalität von Firefox OS 1.1 an die erste Android-Version, die ich in die Finger bekam (ich glaube, das war auch 1.1, höchstens 1.5), und die mir auch ständig unter den Händen stehenblieb, abstürzte oder sonstigen Unfug trieb. Firefox OS ist eine reichlich wackelige, manchmal umständliche und selten wirklich aufregende Angelegenheit, und die Bugfixer haben noch reichlich zu tun. Aber das war bei Android im Jahr 2009 nicht viel anders. Und ein von einer gemeinnützigen Organisation entwickeltes Betriebssystem muss nicht die schlechteste Alternative zu den Großen sein – wenn Mozilla den Atem hat, den auch Google und die Open Headset Alliance in Android investieren konnten und mussten. Bleibt nur die Tatsache, dass Mozilla ungefähr sechs Jahre zu spät kommt.

Die Hardware? Ein billiges 90-Euro-Handy. Was will man erwarten?

Nachtrag wg. beinahe vergessen: Die Suche von Firefox OS ist vom Konzept her bombig: Sie sucht quer durch installierte Apps, angebotene Apps, Webinhalte und – Achtungachtung! – weboptimierte Seiten. Was einem die eine oder andere Enttäuschung mit untauglichen Webangeboten ersparen kann.

Update, zweieinhalb Monate später: Nachdem die eingesteckte Micro-SD-Karte sich immer seltsamer verhielt, habe ich sie durch eine neue ersetzt. Seitdem lassen sich Bilder zuverlässig speichern, und auch die Mail-App akzeptiert jetzt Account-Einstellungen ohne Mucken (ist aber immer noch so, dass ich lieber die – sehr gute – Web-App meines Mailanbieters nutze). Offenbar werden alle persönlichen Daten gleich und ungefragt auf die SD-Karte geschrieben, und wenn es da Probleme gibt, spinnt die jeweilige App, ohne mich auf das Problem hinzuweisen.

2 Gedanken zu „Wie in alten Zeiten…“

  1. An interesting read.
    You, being a Linux man, strike me as someone who is not much impressed with the feature bloated smartphones the major players in the market continue to unleash on the gullible public. Consequently I would respectfully recommend you to pack your Norwegian sweater for a quick trip to Finland in the very near future, where a brandnew phone will be made available to the discerning customer at any moment : http://jolla.com/

    Some (possibly) helpful links :
    http://www.gsmarena.com/jolla_unveils_more_specs_for_its_upcoming_phone-news-6886.php
    http://thenextweb.com/gadgets/2013/06/13/hands-on-with-jollas-first-smartphone-running-sailfish-os/
    https://sailfishos.org/

    Not as inexpensive as the one reviewed in your post, but perhaps intriguing enough to overcome the expected price tag. I’m looking forward to your review !

    • Not sure whether it is me being a Linux man why I’m inclined to the simple solutions. And actually, Firefox OS might end up being too simple for a smartphone OS, rather something between a feature phone and a „real“ smartphone.

      For me, the most interesting part is the battery life of the cheap phone. Without all the background services , as they are running on my Motorola, but otherwise used normally, the Alcatel runs more than 24 hours on one battery charge, as opposed to 12 to 15 hours on the Motorola.

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