Zu-spät-Radio

Internet-Radio, ausgeschaltet
Internet-Radio, ausgeschaltet

Es war am Sonntag, am vergangenen, als ich ein Internet-fähiges Radio in meinem Haushalt begrüßen durfte. Klar, ich weiß, dass jeder PC, der am Netz hängt, Radioprogramme aus aller Welt streamen kann, aber wer meine PC-Lautsprecher kennt, weiß, warum ich am Rechner kein Radio höre. Jetzt also das Radio mit WLAN-Option (LAN geht auch, aber warum drahtvoll, wenns drahtlos auch geht?), und ich freute mich sehr.

Die Sache ist nämlich so: Von 1996 bis 2003 lebte ich weit außerhalb des Einzugsbereiches der GEZ (genauer: bei Washington, DC) und hörte immer, wenn ich morgens zur Arbeit fuhr, die Jack Diamond Morning Show auf WRQX 107.3. Tagsüber fand ich den Sender ziemlich unhörbar, außerdem hörte man als Journalist und aufgeklärter Mensch angeblich ohnehin nur NPR, aber mein Morgen gehörte Jack Diamond und seiner Crew.

Jack Diamond, Musiker und Radio-Vollprofi, moderierte seine Show so, wie ich gerne in den Jahren vor 1996 meine diversen Frühsendungen (bei Stationen in Berlin, München und Potsdam) moderiert hätte: sehr relaxed, unbelastet von Formatierungsversuchen, immer aus der Weltsicht des Zuhörers und sehr persönlich.

Wenn ein Gespräch gut lief, nahm sich Diamond schon mal zehn Minuten Zeit statt der drei, die ich im Höchstfall zugestanden bekam (Drei Minuten reden! In welchem nach Quoten gierenden Programm gibt es das heute noch?). Diamond machte absurde Call-In-Aktionen – ich erinnere mich heute noch, wie ich mich vor Lachen auf der Rt. 50 beinahe, ja: bepisst habe, als Jack Karten für irgendein Boygroup-Konzert zu vergeben hatte und sie dem Vater einer halbwüchsigen Tochter versprach, der die Hysterie selbiger Tochter am besten am Telefon improvisierte; hört sich jetzt nicht sehr lustig an, aber Sie haben ja auch nicht den gestandenen Amerikaner gehört, der mit tiefer Bariton-Stimme „Oh my God, oh my God, I can’t believe it…“ hysterisierte – auch Jacks Crew lag vor Lachen am Boden. Diamond führte mit Sam Donaldson, an sich schon einer der schrägeren Gestalten der Washingtoner Journaille, erstaunlich hintergründige und gleichzeitig unterhaltsame Politgespräche, durch die dem deutschen Korrespondenten auch das einige oder andere klar wurde, und spielte dann wieder „Hot AC“-Musik, also das, was damals die guten Sender spielten. Jack Diamond war nur ein morning anchor unter vielen in einem mittelgroßen Radiomarkt in den USA, aber ich würde ihn jedem Jung-Moderator als Vorbild empfehlen, von dem man sich noch was abgucken kann.

Und nun hatte ich also ein Internetradio und würde – zumindest an arbeitsfreien Tagen, denn eine Washingtoner Morgenshow beginnt um 11 Uhr Berliner Ortszeit – wieder Jack Diamond hören können.

Dachte ich.

Denn während das Radio noch nach dem Sender suchte, las ich in der englischen Wikipedia, dass die Jack Diamond Morning Show am Freitag, den 26. April, zwei Tage, bevor ich das Internetradio bekam, nach 23 Jahren von jetzt auf gleich eingestellt worden war. The Show must go on, und nach dem inzwischen 59 Jahre alten Diamond soll jetzt ein Jüngerer ran.

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