Weinerliches Herumopfern

Es gilt als billig, nahezu unfein unter Bloggern, die auf sich halten, hinter Sascha Lobo her zu bloggen – schon gleich ein paar Tage später als der Meister™ selbst.

Also nehme ich zunächst Bezug auf die Tatsache, dass heute mein Novemberurlaub (nie war er so wertvoll wie heute) zu Ende geht und ich die vergangenen Tage in gezielt und professionell ausgeführte Faulheit investiert habe. Und doch habe ich in diesen Tagen – ehrlich! – immer wieder nachgedacht über

den Wellness-Widerstand, der begierig jede noch so absurde Information aufsaugt, die ihm bei seinem Ziel hilft: sich endlich auch einmal wichtig, besonders, opferhaft fühlen zu können.

Sascha Lobo: Corona – Willkommen im weinerlichen Wellness-Widerstand

Echt jetzt?

So beknallt die Idee ist, so wenig ist sie von der Hand zu weisen: Zu der Demokratiefeindlichkeit (früher sagte man noch „Politikverdrossenheit“, weil das die Gefühle der Demokratiefeinde weniger verletzte) und dem Gefühl der Abgehängtheit (bisher der unique selling point der außerparlamentarischen wie – seufz! – parlamentarischen Rechten) ist tatsächlich das Gefühl gekommen: „Alle sind Opfer, nur ich nicht – rabääh!“ Weshalb die davon Betroffenen

bitterenttäuschte Texte darüber [schreiben], dass sie als katholische Nichtraucher das Leid afghanischer Frauen sehr gut nachvollziehen können, weil ihnen letzte Woche in der Kantine eine vegane Gemüse-Brisolette in genderneutraler Ansprache angeboten worden ist. Oder sie ergreifen unter Ausblendung aller wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Erkenntnisse sowie jeglicher Solidarität die fahle Gelegenheit, endlich auch massiv herumzuopfern.

Lobo, a.a.O.

Ich weiß wirklich nicht, ob Lobo das als bitteren Witz gemeint hat oder als Zustandsbeschreibung. Ich weiß auch nicht, was ich schlimmer fände.

Was ich weiß: Ich weiß immer noch nicht, was in den Schwurbelköpfen der Querschweinchen vor sich geht. Weil es so ganz außerhalb meines Koordinatensystems passiert. Und das macht ratlos.

Nachtrag, keine Stunde später: Wer den Lobotext schon gelesen hat (oder ihn nicht lesen will, was mir auch Recht sein soll), findet vielleicht Interesse an einem gerade freigeschalteten Spiegeltext über „einen der großen Spinner der deutschen Kulturgeschichte: In Steiners Sekte. Hat auch was mit dem Thema Schwurbelei und Realitätsdistanz zu tun.

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