Vor dem Sauriersterben

Wäre ich ein Printmedium (Hinweis: Ich bin aber keins!), könnte ich noch besser verstehen, warum die Redaktionen von Süddeutscher Zeitung und anderen ehrwürdigen bundesrepublikanischen Blättern mit Ignoranz und/oder Wut auf alles herabsehen, was mit dem Internet und den darin entstandenen und entstehenden Publikationsformen herabsehen.

Es ist die nackte Angst, und da helfen auch Hinweise wie Print Is Dead (And This Time We Mean It)! nicht weiter. Darin wird aus den USA berichtet, dass selbst in einem größeren Zeitungsmarkt wie Detroit die Zeitungen (immerhin gibt es dort beneidenswerterweise noch mehr als eine!) ihre Abonnenten künftig nur noch drei Tage im Monat beliefern und im Übrigen auf ihre Online-Ausgaben verweisen.

Der Witz dabei ist: Ich erinnere mich gut daran, wie zu meinen Studienzeiten (also im letzten Jahrtausend!) Zeitungsverleger wilde Träume hatten, in denen die Zeitung morgens auf den Fernseher des Abonnenten übertragen wurde, wo er sie entweder am Bildschirm lesen (wie das mit 625 Zeilen Auflösung ein angenehmes Erlebnis werden sollte, wusste damals aber auch keiner) oder auf eigene Kosten (aus)drucken sollte. Die Vorteile an Geschwindigkeit und Kostenersparnis waren den deutschen Verlegern schon damals klar.

Was alle die, die heute ein Problem mit dem publizistischen Wildwuchs (und: wild ist schön!) im Netz haben, damals nicht sahen oder sehen wollten: Ihr SAA-Modell (senden – angucken – ausdrucken) konnte nur funktionieren, solange der Zugang eingeschränkt blieb und die Daten auf einer Einbahnstraße unterwegs waren.

Folgt eine GT (gewagte These): Könnte es sein, dass sich Redaktionen wie die der Süddeutschen von Redaktionen wie der der Detroit Free Press unter anderem in ihrem Verständnis von freien Medien unterscheiden? Und könnte das etwas  mit der Art zu tun haben, wie diese Medien in Nachkriegsdeutschland ihren Anfang genommen haben?

Längst nicht alle deutschen Zeitungen, aber ganz sicher die Süddeutsche, der Spiegel, auch Springers Welt können stolz auf Lizenzen zurückblicken, in denen die Alliierten, also USA, GB und Frankreich, ihren Gründern in der unmittelbaren Nachkriegszeit das Recht und die Fähigkeit zusprachen, am Aufbau einer neuen, demokratischen Gesellschaft mitzuwirken.

Ähnliches Denken spricht übrigens aus dem permanenten Bestreben von privatwirtschaftlichen E-Medien, den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten das Recht auf einen eigenständigen Auftritt im Netz zu verwehren – nur dass Privatradio und -fernsehen nicht die Lizenz zur demokratischen Erziehung, sondern die zum Geldverdienen im Äther exklusiv zu haben glaubten.

Was Old Media (richtig, RTL und SAT.1, auch Ihr seid schon old!) nicht sehen können und/oder wollen: Es gibt keine Lizenzen mehr. Der internationale Raum, den das Netz bildet, ist – mangels einer entsprechenden Autorität – auch ein rechtsfreier Raum, soweit sich die Teilnehmer am Netz nicht Bestimmungen und Rechtsauffassungen teilen. Das heißt: Inhalte können durchaus in dem einen oder anderen Land gegen Gesetze verstoßen (Kinderpornografie sogar in den allermeisten), der Zugang zum Netz kann jedoch – auch wenn das einem bundesdeutschen Innenminister nicht passt – nur noch unter unzumutbaren Kosten beschränkt werden; unter diese Kosten fällt die Einschränkung der Meinungsfreiheit ebenso wie der Verlust an internationaler Konkurrenzfähigkeit. Das heißt: Dass jemand Kinderpornos oder Hassaufrufe im Netz verbreitet, kann ihm rechtlich zur Last gelegt und verboten werden – nicht aber, dass er das Netz zur Verbreitung von Inhalten nutzt.

Es ist aber auch zu gemein: Da macht man mal 60 Jahre Nachkriegspublizistik, bildet sich was drauf ein, mit Schreibmaschine, Bleisatz, Bandmaschine und 16mm-Kamera eine funktionierende Demokratie ins Laufen gebracht zu haben, gibt Unsummen für die Sammlung und Aufbereitung von Informationen aus – und da kommen so ein paar ungewaschene Rotzlöffel, berichten in 140-Zeichen-Blöcken von Flugzeugabstürzen und Naturkatastrophen, nutzen Weblogs für Kommentare, die kürzer und angenehmer zu lesen sind als ein ehrwürdiger Leitartikel, und wenn man dann mal auf die Gefahren für Demokratie und Debattenkultur hinweist, die aus diesem Internetz erwachsen, erntet man nur allgemeines Hohngelächter.

TV-Sender haben das übrigens schon länger kapiert und beziehen Handy-Videos von Amateur-Reportern in ihre Berichterstattung mit ein. Private Anmerkung eines TV-Journalisten: Recht haben sie, denn damit wird einerseits das eigene Programm aktueller, andererseits sehen die mit professionellem Equipment erstellten Beiträge im Vergleich damit gleich viel besser aus…

Tscha. Wie’s aussieht, steht uns angesichts steigender Kosten, sinkender Anzeigenerlöse und dieser Konkurrenz aus dem Netz ein mediales Sauriersterben bevor – es sei denn, der eine oder andere Saurier sucht nach sinnvolleren Alternativen, als es der Versuch der Wiederbelebung einer lizenzorientieren Denke ist. Im Augenblick scheinen mir da Detroit Free Press und Detroit News besser aufgestellt zu sein als die Süddeutsche Zeitung.

Update: Die Buzzmachine hat einige Zahlen zur Entwicklung der US-Presselandschaft.

Update 2, am Morgen danach: Elmar G. aus Freenet.de nutzt den Mail-Link in meinem Impressum, um – kommentierend – zu fragen, ob auch ein Beitrag zum Sauriersterben sei, was onlinejournalismus.de als „Glokal-Journalismus“ bezeichnet. Dabei geht es um Versuche, u.a. in USA-Land, redaktionelle Aufgaben in Billiglohnländer zu exportieren, die Globalisierung so auch in den Lokaljournalismus einzuführen und – so zumindest die Idee dahinter – durch Kostensenkung weiterhin Lokaljournalismus anbieten zu können, eine Sparte des Journalismus, die wegen ihrer begrenzten Wiederverwertbarkeit (ich will im Grunde ja nicht mal wissen, was in Lichterfelde-Süd passiert) zunehmend unwirtschaftlich erscheint?

Hm. Ja, ich meine, das ist ein Beitrag zum Sauriersterben. Zwar wird auf diese Art mehr oder weniger geschickt das Kostenproblem angegangen, doch gerade Lokaljournalismus lebt davon, dass er am Ort stattfindet. Selbstverständlich lassen sich Lokalseiten auch von Neu Delhi aus füllen, aber dann sind sie genau das: gefüllte Seiten. Und damit haben bundesdeutsche Zeitungleser immer öfter ein Problem: Zwar sind nach Sparaktionen die Seiten immer noch gefüllt, die Qualität der Füllung lässt aber stark nach, bis hin zur – hier schon vollzogenenen und dann noch einmal zurückgenommenen – Abo-Kündigung.