Von einem, der auszog…

Man fällt doch immer wieder auf das buzzword du jour herein, nicht wahr? Heute: Datensparsamkeit.

Bruhahahahahehehihischluchz…

Mal im Ernst: Der Deal war: Google (und andere, aber den Namen kennen ja alle und Tante Erna) bietet uns einen Superservice mit Supersoftware und Superzuverlässigkeit, und dafür lassen wir Google (und andere) automatisch durch unsere Daten (Mails, Surfverhalten etc.) schnüffeln, damit Google (und andere) uns im Ausgleich für den Superservice mit mehr oder weniger gezielter Werbung bespaßen darf und kann.

The deal is off, seit sich herausgestellt hat, dass es eben nicht nur ein Deal zwischen Google (und anderen) und uns war, sondern dass sich da auch andere dazwischengedrängelt haben und mitlesen, und durchaus nicht zum Zwecke der Werbung. Dabei spielt inzwischen schon keine Rolle mehr, wer wann wieviel gewusst hat, und wozu die Mitleserei gut sein soll. Es ist wie mit einer Beziehung: Sobald festzustellen ist, dass da ein Dritter mit im Spiel ist, ist das Spiel zum Scheißspiel geworden.

Und Franz K. Netzbürger macht sich – wie andere auch – auf die Suche nach Alternativen.

Zahlen aus der Schweiz zeigen: Rund ein Viertel der dortigen User erwägt Veränderungen bei der Onlinenutzung. Diese Erwägung garantiert natürlich nicht, dass es tatsächlich dazu kommt. Aber ein übler Nachgeschmack wird bei vielen zurückbleiben. Dieser kann sich für die führenden Webkonzerne zu einem großen Problem entwickeln.

Allen, die bis hierher mitgelesen haben, droht eine kleine Enttäuschung. In den folgenden Zeilen gebe ich keine Empfehlungen, die ich nicht schon früher gemacht, oder die nicht in den vergangenen Tagen schon andere (z. B. zeit.de) gemacht haben. Egal. Here we go.

Datensparsamkeit also. Der Begriff ist so neu, dass er bis heute morgen noch keinen eigenen Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia erhalten hat (oder er wurde für irrelevant erklärt, das kann auch sein). Wie ich ihn verstehe, hat er was mit der Zurückerlangung der Kontrolle über die eigenen Daten im Netz zu tun (soweit das möglich ist). Er hat was mit der Reduktion der Menge der eigenen Daten im Netz zu tun, und mit dem Wechsel von datenverwertenden Diensten zu solchen, die im Jahre 2013 (oder schon vorher) erkannt haben, dass auch der Verzicht auf die Auswertung der Nutzerdaten ein unique selling point sein kann.

Im Zeichen der Datensparsamkeit habe ich, lange bevor ich das Wort überhaupt kannte, mein Suchverhalten im Netz von der Größten Suchmaschine aller Zeiten auf duckduckgo.com geschwenkt. DuckDuckGo ist zwar in den USA zuhause, was inzwischen zum großen Igitt geworden ist; DuckDuckGo betreibt die Suche aber so diskret und anonym und SSL-verschlüsselt (und speichert keine Nutzerdaten!), dass ich mich dort datensparsam genug fühle. Menschen, die in Zeiten des PRISM überhaupt nichts mehr mit US-amerikanischen Unternehmen und/oder Rechenzentren zu tun haben, nutzen das ähnliche Angebot von startpage.com, das irgendwie in den Niederlanden zu Hause ist.

Mail… tscha, Mail. Vor acht Jahren oder so kam GMail mit einem für damalige Marktverhältnisse riesigen Mailspace von 1 GB heraus, und – frühe Nutzer werden sich erinnern – in den ersten Monaten bot GMail nicht einmal einen Löschknopf mit der Begründung, wer soviel Platz zum Mailspeichern hat, brauche nie wieder eine Mail zu löschen. Inzwischen gibt es den Lösch-Button und die Erkenntnis, dass umfangreiche Mailsammlungen auch bessere Einsichten in die Interessen und Verhaltensweisen des Nutzers ermöglichen. In der Folge habe ich mehrere Maildienstleister beschäftigt, die aber entweder ebenfalls aus meinem Mailaufkommen gezielte Werbung erzeugen wollten oder – was ja inzwischen zum Killer-Argument zu werden droht – ihre Server in den USA oder in GB haben.

Weshalb ich – wir wechseln inzwischen ja auch unsere Handynummern wie andere die Unterwäsche – gerade mal den Sprung ins Ungewisse wage und den in den letzten Tagen wiederholt empfohlenen Dienst von posteo.de ausprobiere. Posteo ist in Berlin-Kreuzberg zuhause und sowas wie der Jutebeutel unter den Mailanbietern: Ökostrom, anonyme Kontoführung, verschlüsselte Festplatten und so viel Verschlüsselung beim Mailtransport wie ohne eigenen Einsatz von PGP & Co. gerade noch möglich. So öko und datensparsam das klingt: Es ist auch spannend, wie sicher im Sinne von zukunftssicher das ist: Posteo ist ein Dreimann-und-eine-Frau-Laden, hatte bis vor wenigen Tagen keine zehntausend Benutzer und wird jetzt – unter anderem dank solcher Empfehlungen wie der von zeit.de – derzeit von Neunutzern überrannt. Ein tief empfundenes „Durchhalten!“ geht von hier in Richtung Kreuzberg.

Weil der Mensch faul ist und ungern durch die diversen Feuerreifen der persönlichen Verschlüsselung springt, warte ich aber noch auf das Erscheinen von StartMail, einem Mail-Angebot der Macher der oben schon erwähnten Suchseite StartPage. StartMail will mit PGP verschlüsselte Mail anbieten ohne den ganzen PGP-Zirkus und wird damit – soweit ich das beurteilen kann – sowas ähnliches wie das von mir schon beschriebene Hushmail. Das bedeutet – bis zum Beweis des Gegenteils – wie bei Hushmail einen Kompromiss zwischen hoher Sicherheit und hoher Benutzerfreundlichkeit; der Unterschied zu Hushmail ist, dass StartMail ein europäisches Unternehmen sein wird. Hushmail gilt als relativ sicher, hat aber schon – im Jahr 2007 – auf Gerichtsanordnung Nutzerdaten herausgegeben. Hm. StartMail soll dieses Jahr auf den Markt kommen; ich habe als potentieller Betatester schon aufgeregt „Hier!“ geschrieen – wie ungefähr 50.000 andere auch.

Bleibt die Sache mit der Speicherung von Daten in der Cloud.

Hier bin ich noch zu keinem Ergebnis gekommen. Dropbox bietet jeden Tag mehr Integration mit anderen Diensten. Google Drive bietet die in meinen Augen noch immer unerreichte Online-Textverarbeitung von Google Docs. Wuala bietet automatische Datenverschlüsselung (und ist in der Schweiz zuhause). Im Zuge der bereits erwähnten Grundfaulheit ist die – proprietäre! – Verschlüsselung von Wuala ja ein Argument; leider findet sie, soweit nicht über eine iOS- oder Android-App, mittels eines Java-Applets statt und steht deshalb nicht auf jedem Rechner zur Verfügung. Außerdem: Auch hier haben wir es (wie bei Hushmail) mit einem Dienst zu tun, dem man einfach glauben muss, dass er meine Daten nur verschlüsselt speichert. Überprüfen lässt sich das nicht.

Soweit der Stand meiner Datensparsamkeit heute, am 10. Juli 2013. Ich bin sicher, dass da noch mehr kommen wird. Stay tuned.

Update, ziemlich genau 12 Stunden später: Als hätte Lifehacker mein Dilemma gelesen, bringt man dort eine ganze Liste von verschlüsselten Cloud-Lagerhallen. Wuala ist auch dabei.

4 Gedanken zu „Von einem, der auszog…“

  1. Very illuminating, thank you for posting. I wasn’t familiar with both StartPage and the forthcoming StartMail, but this looks very interesting indeed.

    As for encrypted cloud service, I’m sure you’re already familiar with Boxcryptor.com ?

  2. Thank you, Peter – yes I am. I just need to make sure whatever solution I choose is compatible with all the tools I’m using – which is Linux, ChromeOS, Android, iOS and Windows 7. With most solutions, at least one of these is missing from the Supported Systems list…

    Common ground is and seems to remain PGP and compatible standards (although I’m not sure about iOS here, either).

Kommentare sind geschlossen.