Volksverdummung

Eigentlich kein Wunder. Bis 1933 und ab 1945 sahen und sehen sich die Deutschen selbst gern als Volk der Dichter und Denker (dazwischen waren es eher Richter und Henker); also muss man sich nicht darüber wundern, wie stark bundesdeutsche Politiker auf die Kraft des Wortes™ vertrauen. Vor allem der ihres eigenen Wortes.

Kommt ein Kanzleramtsminister in die Kneipe aus der Kommissionssitzung und erklärt den bundesdeutschen Teil der NSA-Affäre für beendet. Hier gibt es nichts zu sehen, gehen Sie bitte weiter. Fragen sind nicht zugelassen, der Minister hat gesprochen, howgh.

Kommt ein paar Tage später ein Innenminister in die Kneipe daher und hält alle Vorwürfe in der NSA-Affäre für ausgeräumt. Es gilt das gesprochene Wort™ – und da ist es schon egal, dass der Innenminister, ohne es zu merken, sich innerhalb von Minuten widerspricht: Deutsche Nachrichtendienste haben nicht abgehört, gelten aber

bei unseren Verbündeten als leistungsfähige, bewährte und vertrauenswürdige Partner.

Aha. Bei Verbündeten, die nicht nur in einer Tour bei weiteren Abhöraktionen erwischt werden, sondern das auch grummelnd zugeben, gelten Dienste, die das – angeblich – nicht tun, als „leistungsfähig, bewährt und vertrauenswürdig“.

Wenn ein deutscher Minister das in deutschen Worten sagt, muss es ja stimmen.

Und wenn wir schon mal dabei sind, Herr Minister Pofalla und Herr Minister Friedrich: Glauben Sie wirklich, dass uns nicht aufgefallen ist, dass Sie beide immer dann, wenn es kritisch wird, ein „auf deutschem Boden“ in den Satz über Dinge einfügen, die Sie dankenswerterweise beendet haben oder die gottlob nie stattgefunden haben? Und glauben Sie wirklich, dass Sie damit durchkommen, weil die Mehrheit des Wahlvolkes nicht weiß, dass im Internet sehr wenig ausschließlich „auf deutschem Boden“ stattfindet?

OK, damit werden Sie durchkommen, solange GMX, Telekom & Co. mit der Idee einer E-Mail Made in Germany durchkommen. Seufz.

Um mich zu wiederholen: Ich weiß nicht, was mich mehr aufregt – die Möglichkeit, nach Strich und Faden und mit der Kraft des Wortes™ für dumm verkauft zu werden, oder die Möglichkeit, dass sie es tatsächlich nicht besser wissen.

11 Gedanken zu „Volksverdummung“

  1. Und welche Konsequenzen zieht ihr?
    Keine Handy mehr —> Oh nein das geht ja schon mal gar nicht!!!
    Bei Providern wie Vodafone T-Kom kündigen —–> Das ist viel zu umständlich, und bringt ja doch nichts!
    Kein Facebook und Twitter o.ä. mehr nutzen —> Alternativen benutzen zu umständlich außerdem verliert man dann ja alle seine Kontakte, und helfen tut das ja auch nichts.
    Freie Software einsetzen —> was nix kostet ist auch nix gut ect.
    Suchmaschinen wie Google Bing Yahoo vermeiden —> ganz schlechte Idee dann findet man ja nix mehr
    Das kann man noch beliebig erweitern, wenn nicht die Richtigen Konsequenzen gezogen werden ändert sich gar nichts, es wird nur noch schlimmer. Das einzige was zieht ist, Geld, weniger oder kein Geld und schon wird es Veränderungen geben. Das kann man gut beobachten, bei den Journalisten die sich ausheulen in der Öffentlichkeit weil niemand mehr den Gedruckten mist kaufen will, darüber hätte die nach denken sollen bevor sie Millionen Diskreditiert haben, und dabei einen entscheidenden Anteil an dem Sozial-Dumping haben. Man beist eben nicht die Hand die einen Füttert, und das ist bei den Journalisten eben nicht der Chef oder Zeitungsbesitzer sondern der Leser/Käufer.

    • Da hat aber jemand das Internet (ursprünglich entwickelt von Wissenschaftlern für den freien und ungehinderten Austausch von Informationen und Gedanken) aber so richtig gut verstanden.

      • Was für eine Kluge Antwort! Und ganz Wichtig anderen das Wissen absprechen, achja Journalist == ! Kritkfähig
        Gerade hier hätte ich etwas anderes erwartet.

        Na dann willkommen in dem Totalen Überwachungsstaat, und wegen dem ungehinderten Informationsaustausch werden ja auch überall Filter und Blockier-Technologien eingesetzt damit das dann auch so richtig klappt. Und das nicht nur in Diktaturen sondern bei uns in den sauberen Demokratien.

        • Ich meinte eigentlich eher den Professor, hehe. Wen trifft er? Seine Studenten und den freien Meinungs- und Wissensaustausch. Google, Yahoo & Co. dürfte das reichlich egal sein.

          Ist ungefähr so, als ob ich meinen Steuerbescheid ungelesen wegschmeißen würde, weil das Finanzamt ihn über einen Briefdienstleister verschickt, der seine Angestellten unter Tarif bezahlt. Oder als ob ich einen Kommentar ungelesen löschen würde, weil er mit einer Hotmail-Adresse hinterlegt ist… Gell?

          • Nun dann bitte ich demütig um Entschuldigung, wegen des Missverständnisses, ich habe mich darüber gerade sehr geärgert.
            Ich denke deshalb das dies gut ist, weil dies ein paar Leute dazu bewegen wird diese Dienste nicht zu nutzen, wenn dann eine gewisse menge erreicht wird wird es diese Internet Giganten schon stören wenn sie marginalisiert werden, weil auf bessere Alternativen ausgewichen wird.
            Seine Studenten sollte das nicht an dem Wissensaustausch hindern, wie gesagt es gibt Alternativen, welche aus Faulheit und Bequemlichkeit nicht genutzt werden. (Stichwort PGP)
            Denn uns bleiben ja nicht viele wirksame Möglichkeiten als zu entscheiden was wir nutzen wollen, und damit auch was wir uns gefallen lassen wollen. Auf die Politik würde ich mich da nicht verlassen, die handelt leider nicht in unserem Interesse.
            Von daher finde ich den Versuch des Profs. sehr löblich, es ist besser als zu Resignieren.

      • Ich fuerchte zwar das ich alles auf _Grund meiner Deutschkenntnisse nicht so richtig verstanden habe, aber es gab laengere Zeit keine Chance fuer Studierende per Mail Kontakt mit US-Universitaeten ueber ihre Universitaets e-mail Adressen auf zu nehmen! Adressen mit stud wurden generell geblockt! Warum nicht mal anderes herum?

        Nochwas Dichter und Denker… Solange das „Heilige Gymnasium deutscher Nation“ so hoch gejubelt wird, solange es Deutschlehrer gibt die stolz auf ihre mangelenden Rechenkenntnisse (VORSICHT! Rechnen nicht Mathematik) sind und dieses laut verkuenden duerfen, solange bayrische Abiturientinnen mit Leistungskurs Mathematik nicht lernen wofuer es die EE/ENG Taste gibt, solangebin ich froh …Auslaenderin zu sein,
        …fehlerhafte Rechtschreibung zu haben (Lichtenberg),
        …mir keine neuen Argumente fuer die Probleme dieses Stattes suchen zu muessen!


        (JA ich weiss dass das nicht korekt ist … zu vérwenden)

        Gruss
        Kristin

  2. Meine Hotmail Adresse ist uralt und dient nur dafür das ich in Blogs und so mal was kommentieren kann, ich werde mich hüten das als richtige Mail Adresse zu nutzen. Wenn man sich nicht überall registrieren musste oder diese hinterlegen müsste hätte ich sowas gar nicht.

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