Vivaldi, fast vi Opera

Einer extrem unwissenschaftlichen Untersuchung (= einmal hingeguckt) musste ich entnehmen, dass unter meinen sog. Facebook-Freunden mein Hinweis auf das Erscheinen des Vivaldi-Browsers mehr Reaktionen hervorgerufen hat als das letzte Katzenbild, das ich der Facebook-Öffentlichkeit geschenkt habe. Nun bin ich einerseits froh, dass der Kater souverän genug ist, so zu tun, als hätte er nichts bemerkt (oder einfach nicht lesen kann); andererseits bin ich der Gemeinde wohl tatsächlich einige Worte zu meinen ersten Tagen mit Vivaldi schuldig.

Seit vier Tagen also residiert die frisch angekündigte Browseralternative in der Tradition (und aus der Werkstatt der Macher) des ehrwürdigen Norwegerbrowsers Opera auf meinem heimischen Rechner. Und weil Wochenende ist, habe ich ein wenig mit Vivaldi gespielt – ein wenig, weil Vivaldi nun nicht die Offenbarung einer völlig neuen Browse-Erfahrung ist. Das wäre auch zuviel erwartet, denn Vivaldi beruht (wie auch der aktuelle Opera-Browser) auf der aktuellen Version von Google Chrome bzw. der Open-Source-Variante Chromium. Darüber hinaus ist der verfügbare Vivaldi als „Tech Preview“ gebrandmarkt gelabelt, was in meinem Verständnis  soviel wie „nicht einmal Beta“ bedeutet.

Wir sollen also schon mal sehen, was Vivaldi irgendwann mal können wird. Das ist nicht grundsätzlich falsch. Also – was sehen wir?

Wir sehen ein Fenster, das sich nicht an die voreingestellte Systemdarstellung hält; das hat es übrigens mit Chrome gemeinsam, das auch zunächst mit einer eigenen Fensterdekoration daherkommt. Dazu kommt, dass das aktive Tab (oder heißt es „der“ Tab?) farblich an die Farben der angezeigten Webseite angeglichen wird – nett. Und schließlich sehen wir, was User des klassischen Opera-Browsers (Versionen 12 und früher) schon kennen: zusätzliche Funktionen in einer Sidebar – in den Screenshots ist das die Lesezeichenverwaltung. Die Sidebar lässt sich – ebenfalls wie bei Classic Opera – nach rechts schubsen oder ganz ausblenden; die Tabs kann der User wahlweise oben, unten oder auch rechts oder links vom Hauptfenster ansiedeln.

Nun ist eine anpassbare Benutzeroberfläche sicher nice to have; ob sie mich (oder andere) zum Browserwechsel anregt, halte ich zumindest für fraglich.

Ein Grund, weshalb ich in dunkler Vorzeit den klassischen Opera mochte, war der hauseigene Mailclient. Er war schnell, einfach, kam meinen Arbeitsgewohnheiten entgegen. Das war in Zeiten, als der Mensch noch via Thunderbird, Outlook Express (schauder!) oder (Hilfe!) Evolution mailte, ein Argument. Ob es das heute, in den Zeiten von flotter, anpassbarer Webmail noch ist…

…konnte ich leider nicht feststellen, denn der geplante Mailclient ist noch nicht fertig. Der stattdessen angepriesene Webmail-Dienst unter vivaldi.net ist – pardon! – als Alternative lachhaft; der geneigte User ist im Zweifelsfall ja nicht auf der Suche nach einer neuen Mailadresse, sondern will seine alte weiter benutzen. Technisch gesehen beruht die Webmail auf dem weit verbreiteten Roundcube-Webmailer, den es auch anderswo gibt, evtl. sogar beim Anbieter Ihres Vertrauens.

OK, warten wir eben auf die nächste Version von Vivaldi. Oder wir mailen weiter im Programm (oder Browserfenster) unserer Wahl und finden die Aussicht auf einen neuen, in einen Browser integrierten Mailclient eher uninteressant. I’m so sorry.

Ach ja, schnell soll Vivaldi werden, der „fastest browser on Earth“, wie es Opera auch mal war. Das wird nicht einfach – weil Vivaldi = Chrome, mehr oder weniger. Beim wochenendlichen Test brauchte Vivaldi zwar durchschnittlich 200 MB weniger Arbeitsspeicher als ein Chrome mit den gleichen Tabs, aber das kann auch daran liegen, dass Vivaldi noch keine Erweiterungen kennte und ich zu faul war, die in Chrome abzuschalten. Was den Speicherbedarf angeht, liegt Vivaldi ungefähr gleichauf mit meinem aktuellen Firefox (mit Erweiterungen!). Gefühlt ist er dagegen deutlich träger als die beiden anderen Browser. Aber, hey, es ist eine Tech Preview, da kann das schon mal passieren.

Trotzdem… Ich werde den Eindruck nicht los, Jon von Tetzchner und seine Mitverschwörer trauerten einfach ihrem alten Opera und dem ganzen zugehörigen Klimbim nach und wollten ihn nachbauen. Wer dagegen den Trennungsschmerz überwunden hat, wie vermutlich die Mehrheit der ohnehin überschaubaren Fangemeinde des Norwegerbrowsers, braucht Vivaldi auch nicht mehr. Aber schön, dass es ihn gibt.