Unreifezeugnis

Höh. Komme ich nach einem langen Tag, den ich zum großen Teil in Produkten (früher hätten wir „Züge“ gesagt) der Deutschen Bahn verbracht habe, nach Hause. Und was lese ich?

Nach dem römischen Imperium, Dschingis Khans Reiterhorden und Microsoft gilt die Bahn vielen als das kundenunfreundlichste Unternehmen aller Zeiten. Jeden Tag kämpft sie hart, um diesen Ruf auch in Zukunft nicht zu verlieren.

glamorama:blog, via uninformat.io

Ja, wenn das so ist…

Bahn! („Mehdorn!“ kann ich ja nicht mehr schreiben, auch wenn er an dem derzeitigen Zustand nicht unschuldig ist. Und wie die derzeitigen Herren der Bahn heißen, kann und will ich mir nicht merken. Also: Bahn!)

Heute morgen also lässt Du mich Atemübungen machen, denn nur in ausgeatmetem Zustand passt der Mensch in die Ringbahn zur Stoßzeit. Eine Station später wechsele ich in das, was du „S-Bahn-Ergänzungsverkehr“ nennst, was in Wirklichkeit aber eine Stuttgarter S-Bahn ist, die weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit von Gesundbrunnen zum Hauptbahnhof fährt – weil du sinnvolle, les- und verstehbare Informationen ja auch im dritten Jahr (oder so) der S-Bahn-Krise für unnötig hältst.

Von Berlin Hbf. nach Hamburg Hbf. war kein Problem, du, Bahn. Haste fein gemacht.

Von Hamburg Hbf. nach Berlin, Hbf. warst du schon wieder ganz du selbst, Neue Deutsche Bahn. Der ICE verließ den Hamburger Hauptbahnhof, fuhr etwa eine Zuglänge und blieb dann wg. Stromausfall stehen. Etwa 30 Minuten lang – dann fuhr er die eine Zuglänge wieder zurück in den Hauptbahnhof, stand nochmal fünf Minuten oder so rum, weil beim Stromausfall irgendwas im Triebkopf (früher hätten wir halt „Lok“ gesagt) kaputtgegangen war, aber dann ging es plötzlich doch.

Dass die Steckdosen am Platz alle stromlos blieben, war nicht weiter schlimm; früher gabs sowas ja auch nicht, gell, Bahn?

Dein Zugchef, Bahn (also nicht der „Bahnchef“, sondern der „Zugchef“), erheiterte uns dann mit der Kombination aus Verspätungsentschuldigungen und Anschlussankündigungen, die alle nix taugten, weil wir, na, Bahn, was? Richtig: Verspätung hatten. Immerhin dämmerte dem tapferen Mann irgendwann, dass da was nicht stimmte, und er sagte eine weitere Liste mit nun etwas wahrscheinlicheren Anschlüssen auf.

Berlin Hbf. nach Gesundbrunnen: eine Münchner S-Bahn, fast leer. Ist schon ’n Geheimtipp, so ein „S-Bahn-Ergänzungsverkehr“, nicht?

Am Gesundbrunnen dann: Ausfall der Ringbahn, „S-Bahn-Verkehr unregelmäßig“ – das letzte Mal hatten wir das doch am 13. August 1961 und danach, nichtwahr, Bahn? Ach nee, damals warst du börsenreifes Unternehmen ja noch nicht da – das war die staatliche Reichsbahn, die versuchte, trotz Weltgeschichte den Betrieb irgendwie aufrecht zu erhalten.

Egal. Wir wissen ja, was wir an dir haben, Bahn.

Aber dass du mir jetzt schon die BVG ansteckst, die angesichts einer Großbaustelle ebenfalls zu schwächeln anfängt – das, Bahn, finde ich nicht richtig. Soll ich vielleicht wieder autofahren, so in der Stadt?