United Statistics of America

Ich sag’s ja, und ich wiederhole es auch gerne, zumal mir die Lokalzeitung jetzt argumentationstechnisch zur Seite springt: Die Wahl des 44. POTUS (President of the United States) ist noch nicht gelutscht. Nicht nur wegen meines seit „Statistik II“ gesunden Misstrauens gegenüber aller Meinungsforschung, sondern weil die aktuellen Meinungsumfragen ein sehr diverses Bild abgeben: mal liegt Obama mit 15 Prozentpunkten vorne, mal mit zwei. Spricht nicht für die Zuverlässigkeit von irgendwelchen Vorhersagen.

„We believe it is a very close race, and something that is frankly very winnable,“ Sarah Simmons, director of strategy for the McCain campaign, said yesterday.

Gut, „very winnable“ fällt unter die Kategorie „Pfeifen im Walde“. Aber das Team Obama/Biden sollte sich nicht dabei erwischen lassen, schon Siegesreden zu schreiben (und hat sich auch nicht erwischen lassen), und das Team McCain/Palin setzt grobe Last-Minute-Mittel ein (oder freut sich zumindest, wenn andere dies tun). Es bleibt in jedem Falle spannend.

Wählerumfragen in den USA leiden unter einem großen Manko: Sie werden fast ausschließlich über das Telefon abgewickelt. Nun zahlt aber in den USA ein Mobilfunknutzer auch für ankommende Anrufe, weshalb viele Meinungsforscher solche Nummern gar nicht mehr anrufen, um ärgerliche Reaktionen zu vermeiden oder gegen lokale Gesetze zu verstoßen. Die Generation der Handy-Nutzer, Skype-Telefonierer etc. wird also schon mal nur unterdurchschnittlich repräsentiert.

Auf der anderen Seite ist Meinungsforschung nicht nur Statistik, sondern auch Psychologie: Gerade in aufgeheizten politischen Fragen (McCains Haltung zur Wirtschaftskrise, Obamas Hautfarbe, Palins Intellekt, und wer war eigentlich nochmal Joe Biden?) neigen Wähler zum Lügen. Es mag politically incorrect sein, Obama als Schwarzen abzulehnen – in der Wahlkabine kann jeder seine wahre Meinung ungehindert ausleben.

For the record: Ich halte McCain nicht erst seit der Lektüre eines Rolling Stone-Artikels über den Make-Believe Maverick für charakterlich wenig für das Präsidentenamt geeignet, und seine Vize-Kandidatin muss noch eine Menge lernen, bevor sie auch nur in der Lage wäre, das Amt von einem alten, nicht sehr gesunden Amtsinhaber zu übernehmen.

Zitat aus dem gerade verlinkten Artikel, einen groben Vergleich zwischen John McCain und George W. Bush ziehend:

Both were born into positions of privilege against which they rebelled into mediocrity. Both developed an uncanny social intelligence that allowed them to skate by with a minimum of mental exertion. Both struggled with booze and loutish behavior. At each step, with the aid of their fathers‘ powerful friends, both failed upward. And both shed their skins as Episcopalian members of the Washington elite to build political careers as self-styled, ranch-inhabiting Westerners who pray to Jesus in their wives‘ evangelical churches.

Zurück zur anstehenden Wahl. Es stimmt: Es gibt auch politische Unterschiede zwischen dem demokratischen und dem republikanischen Kandidaten – ein Thema für eine eigene Geschichte. Einstweilen nur soviel: Auch ein Präsident Obama wird vor allem Politik im Interesse der US of A machen, aber ganz bestimmt keine europäische. Denn das ist nicht seine Aufgabe.