Toter Briefkasten

RIPDas wird die Wichtigseier Verantwortlichen beim Mozilla-Projekt unheimlich beruhigen, wenn sie erfahren, dass ich mich eben nicht über ihre Idee aufrege, Thunderbird, den Open-Source-Mailclient so zu lassen, wie er ist, und künftig nur noch Sicherheitsupdates auszuliefern. Übersetzt heißt diese Idee: Thunderbird hat ist fertig, mit neuen Features ist eher nicht zu rechnen, und gut ist.

Die Schlagzeilen über diese Ankündigung klangen dramatisch: So, That’s It For Thunderbird oder Mozilla shoots down Thunderbird, hatches new release model (letzteres mit dem sprechenden URL „Thunderbird Dead“). Auch im deutschsprachigen Raum flaggen sie überall schon mit Trauerflor, und ich bastele schon mal den passenden Grabstein (auf der Basis eines Photos von L. MarieCC-Lizenz).

Alles Kappes. Wie Canonical-Mitarbeiter Jorge O. Castro es formuliert:

As it turns out, there’s no need to panic because email has been a SOLVED PROBLEM for going on 3 decades now.

Zum Beweis postet er einen Screenshot des Thunderbird-Urahnen Netscape Messenger – und die Verwandtschaft ist unverkennbar.

Aber darum geht es ja gar nicht. E-Mail-Clients haben gegenüber Webmail ihre Vorteile, aber diese Vorteile hängen ebenso vom Desktop-Programm ab wie vom gegenübergestellten Webmail-Angebot. Gegen GMail (wenn man dessen Workflow mag) sieht der modernste Desktop-Mailer alt aus; umgekehrt kann der altgediente Webmailer SquirrelMail selbst gegen Outlook Express (ja, ich wasche mir den Mund mit Seife aus!) nur wenig Usability-Punkte machen.

In den letzten Wochen habe ich sowohl in Sachen Mail-Anbietern wie in Sachen Benutzeroberfläche etwas herumgesucht. Warum?

Über GMail läuft noch etwa ein Drittel meiner Mail; die Mehrheit übertrage ich lieber einem bezahlten Maildienstleister, weil ich mir da weniger als zu verkaufende Ware vorkomme. Den großen deutschen Anbieter, dessen Name ebenfalls mit „G“ anfängt, habe ich nicht mehr lieb – nicht etwa, weil es ein Massendienstleister ist, und auch nicht, weil ich mit den Diensten nicht zufrieden wäre. Es ist nur so, dass ich oft über die Weboberfläche an meine Mail gehe, und G… hat nun mal die Angewohnheit, auch zahlende Kunden vor dem Ein- und nach dem Ausloggen heftig mit Werbung zu beballern. Werbung im Netz ist zielgruppenorientiert; nachdem ich aber nie rpt. nie Interesse für Partnervermittlungen und Seitensprungagenturen gezeigt habe, muss ich annehmen, dass diese Werbung auf die Mehrheit der G…-Nutzer ausgerichtet ist – und das ist eine Bezugsgruppe, mit der ich dann doch lieber nichts gemein habe.

FastMail.FMAuftritt FastMail.FM (Affiliate-Link!). Habe ich eher durch Zufall entdeckt, ist ein australisches Unternehmen im Besitz der Browserstricker von Opera (war mal mein Lieblingsbrowser, aber dazu gleich mehr), bietet eine etwa krude Weboberfläche mit so ziemlich allen Optionen, die das IMAP-Protokoll erlaubt, plus einigen mehr, sowie eine recht elegante AJAX-Oberfläche (in Beta, aber das war GMail ja auch jahrzehntelang!), die einen Standardworkflow mit reiner Keyboard-Bedienung unterstützt und einige Ideen von GMail – wie die Ansicht in Konversationen –  geklaut adaptiert hat. FastMail kostet, aber weniger als andere, und es ermöglicht mir, auch die Mail dieser Domain darüber abzuwickeln.

Jetzt aber zu den Desktop-Programmen. Ubuntu hat nun gerade erst Thunderbird zum Standardmailer gemacht, aber irgendwie kam er (der Vogel) mir ähnlich wie sein Browserbruder Firefox immer ein wenig umständlich und behäbig vor. Verschiedene Versuche mit dito Alternativen haben mir wenig Freude gemacht; am nächsten an meine Vorstellungen kommt komischerweise der Mailclient des Norwegerbrowsers Opera. Nun war Opera vor ein paar Jahren, als es Firefox oder gar Chrome nicht gab, eine Zeitlang mein Lieblingsbrowser, aber heute kann ich das eigentlich nicht mehr ernst meinen – das Ding hat so viele Macken Besonderheiten wie ich, aber das reicht als Grund nicht aus. Und nur wegen des Mailers? Nö.

Fing ich also nochmal von vorne an – und kam darauf, dass ich auf Desktop-Rechnern seit dem Auftritt von GMail überhaupt nur deshalb noch spezialisierte Mailprogramme nutzte, weil Webmail keine Verschlüsselung unterstützt.  Inzwischen bin ich aber zu der traurigen Erkenntnis gekommen, dass verschlüsselte Mail ohnehin kein Schwein interessiert, und dass ich meinen Thunderbird offenbar nur noch aus Gewohnheit mitschleppte. Das alte Argument, die Mail auf der eigenen Festplatte speichern zu wollen, zählt in Zeiten von IMAP sowieso nicht mehr.

Also fort damit. Auf dem Handy habe ich noch einen Mailclient (für Interessenten: MailDroid), weil Webmail auf der kleinen Oberfläche einer Funkquatsche nicht einmal von Google 100%ig überzeugend umgesetzt wird. Auf dem Desktop dagegen herrscht bei mir jetzt Webmail.

Disclaimer: Dieser Text nützt all denen, die ihre Mail über eigene Hostingaccounts abwickeln und auf crappy Webmail angewiesen sind, nichts. Auch unter den kommerziellen Anbietern gibt es gewaltige Unterschiede, was die Qualität der Webmail angeht. Und ja, vor zwei oder drei Jahren habe ich schon mal ein Plädoyer für Webmail abgegeben, danach aber noch einmal vergeblich versucht, andere von den Vorteilen verschlüsselter Mail zu überzeugen.

2 Gedanken zu „Toter Briefkasten“

  1. Trifft durchaus den Punkt. Wozu sollte ein MUA neue Funktionen bekommen, wenn sich an IMAP/SMTP nichts ändert.
    Googlemail hat allerdings einen ganz gravierenden Nachteil gegenüber selbst dem schlimmsten Desktop-Mailer: nämlich Google. Wenn man seine Mail gerne anderswo, als beim Kraken hätte (und sie gerne *als einziger* lesen möchte), schliesst GMail von vorneherein aus.

    • Exakto. Genau das ist der Grund, weshalb ich zu anderen, bezahlten Providern gewechselt habe. Zuerst zu dem mit dem G (bei dem ich früher, bevor es GMail gab, auch schon mal zuhause war), jetzt, der Fremdgeherwerbung wegen, zu dem mit dem F. Keine Werbung, recht gute Datenschutzregeln, und im Hintergrund eine Firma, die zwar nicht OSS produziert, aber immer noch für ein freies und faires Netz eintritt. Jedenfalls in den Geschäftsbedingungen.

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