No-Paper

Vor etwas mehr als zwei Jahren tat ich etwas für einen Journalisten Unerhörtes und kündigte mein letztes Zeitungsabo. Damals schrieb ich:

Und wenn wir jetzt noch verstehen, dass Papier nur ein Trägermedium ist, aber kein Qualitätsmerkmal, dann können wir das Papier aus dem ganzen Prozess eliminieren, das Abo kündigen und darauf hoffen, dass die bundesdeutschen Zeitungsverleger endlich kapieren, dass weder Leistungsschutzrecht noch Zwangsabos ihnen noch helfen können, sondern nur eine radikale (und schnelle!) Umstellung ihres Geschäftsmodelles.

Das ist, wie gesagt, zwei Jahre her. Vor bald zwei Monaten erhielt ich dann ein Päckchen vom Verlag meiner zuletzt abonnierten Zeitung. Im Begleitschreiben gratulierte man mir, dass ich bei einem „DDR-Rätsel“ gewonnen habe (konnte mich nicht daran erinnern, bei so was mitgemacht zu haben, aber was tut man nicht alles in Mittags- und anderen Pausen?), und wünschte mir viel Freude mit dem mitgeschickten 7-Zoll-Tablet und dem Sechs-Monate-Gratisabo der Berliner Zeitung.

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Der Washington Pfosten

Geht ein Mann los, eine Zeitung kaufen… Keine Ahnung, wieviele Texte über den Verkauf der Washington Post an Jeff Bezos heute mit diesem Flachwitz anfangen. Dieser hier fängt jedenfalls damit an.

Fast acht Jahre lang, von 1996 bis Ende 2003 lag jeden Morgen, zusammengerollt und in einer Plastikhülle, die aktuelle Ausgabe der Washington Post vor meiner Tür. Fast acht Jahre lang fing mein Tag damit an, den dicken Flatsch Zeitungspapier auf meinem Frühstückstisch auszubreiten. In den neunziger Jahren war das noch eine ziemlich schwärzliche Angelegenheit, weil die Post damals mit klassischer Druckerschwärze das Papier und meine Hemdsärmel einfärbte – später wurde sie dann bunt und färbte nicht mehr. Fast acht Jahre lang las ich mich durch gut recherchierte, oft bis ins letzte Detail gehende Berichte und Reportagen (vier bis sechs Absätze auf der Titelseite, dann gerne zwei halbe Seiten weiterer Text!), lernte aus den Comic Strips die amerikanische Umgangssprache und aus der Metro Section alles, was in der Stadt so passierte, verbrachte eine Extra-Viertelstunde in der Style Section, die nichts mit Mode zu tun hatte, sondern das ist, was hierzulande Feuilleton heißt, konnte am Sonntagvormittag zwei bis drei Stunden mit einer Zeitung verbringen – es war eine Pracht!

Die Post war Pflichtblatt für die US-Hauptstadt und Lesevergnügen für Zeitungsfans in einem. Und, liebe Kinder, wenn ihr nicht wisst, was ein „Zeitungsfan“ sein soll, lasst es euch von Papi und Mami erklären – es gab Zeiten, als man Fan einer Zeitung sein konnte, und es gab Zeitungen, die es wert waren.

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Und tschüss!

Drei Monate nach der Kündigung meines letzten Tageszeitungsabos habe ich heute auch das Abo auf die Sonntagszeitung gekündigt. Nach der Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes haben die bundesdeutschen Zeitungsverleger ja ein tragfähiges Geschäftsmodell im Internet-Zeitalter und sind auf mein Geld nicht mehr angewiesen. Wenn sie sich da nur nicht täuschen. Repeat after me: Papier ist ein Trägermedium, … Weiterlesen

Leben ohne Zeitung

Irgendwann im letzten Jahrtausend, es muss so kurz vor Weihnachten 1979 gewesen sein, erlebte ich als junger Hospitant in der Hamburger Lokalredaktion der WELT, wie ein ebenfalls noch junger freier Mitarbeiter der Redaktion vom Chef vom Dienst gewaltig in den Senkel gestellt wurde, weil er zugegeben hatte, keine Zeitungen zu lesen, denn was darin stehe, sei langweilig und für seine Arbeit nicht relevant.

Wir beide, der in den Senkel Gestellte und ich, lernten an diesem Tag etwas. Der Gesenkelte lernte, dass seine Zukunft nicht unbedingt im Lokaljournalismus lag, und wurde ein Vertreter der sog. Popliteratur (nein, es war nicht Stuckrad-Barre!). Und ich lernte, dass es zur Arbeit eines Journalisten gehörte, Zeitung zu lesen, morgens vor der Arbeit, tagsüber während der Arbeitszeit, nachts nach der Arbeit.

Das war im letzten Jahrtausend. Heute, am 1. Dezember 2012, ist der erste Tag in meinem Journalistenleben, an dem ich nicht mindestens eine Zeitung abonniert habe. Nach Jahrzehnten mit Blättern wie der Süddeutschen Zeitung, der Washington Post und, ja, ahem, auch der taz (ich bekenne…) habe ich mein letztes Zeitungsabo gekündigt und auch auf die Bestechungsversuche („100 Euro für die Verlängerung!“) nicht mehr reagiert.

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Abstraktes zum Sonntag

Aus Gründen™ habe ich mich in den letzten Tagen zum wiederholten Mal mit dem Dualismus „Programm vs. Content“ beschäftigt. Wie bekannt sein dürfte, arbeite ich für ein Unternehmen, das seit den fünziger Jahren im Geschäft mit (Radio, später auch Fernseh-) Programmen, seit der Mitte der neunziger Jahre auch im Geschäft mit content, also Inhalten ist, die je nach Bedarf und Interesse abgerufen werden können. Sprich: Internet.

Während ich also, ebenfalls in den letzten Tagen, meinen Beitrag zum Zeitungssterben geleistet habe, indem ich, leise „Papier allein ist kein Qualitätsmerkmal“ vor mich hinmurmelnd, mein letztes Zeitungsabo kündigte, machte ich mir Gedanken über die mediale Zukunft. Dabei dachte ich an ein Memo, das ich im Jahr 2006 unaufgefordert an meinen Chef schickte, und das er mir ebenso unaufgefordert verbal um die Ohren haute, weil ich darin das Ende des „Programms“, also des linear ausgestrahlten Radio- und Fernsehangebotes, prognostizierte, während „Content“, also der beliebig abrufbare mediale Inhalt, das journalistische Produkt der Zukunft sei.

Auch wenn mein Arbeitgeber eine ganze Reihe seiner Radio-Programme inzwischen eingestellt hat und dafür IP-basierte Angebote (sprich: Internet) stark ausbaut, ist das lineare (Fernseh-) Programm alles andere als auf dem absteigenden Ast.

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Liebe Zeitungsverleger,

jetzt mal so ganz unter uns: Sooo schlecht scheint es euch doch gar nicht zu gehen in diesen unsicheren Zeiten von Internet, iPad und Blogkonkurrenz. Denn wenn es euch wirklich sooo schlecht ginge, wie ihr immer jammert, wenn es um Internet, iPad und Blogkonkurrenz geht, dann müsstet ihr euch doch wie die Geier auf jeden … Weiterlesen

SCHUHrnalist

Jetzt findet die unendliche Geschichte von der immer wieder verkauften und gequälten Kreatur doch noch ein gutes Ende: die Berliner Zeitung wird – über den Umweg Frankfurter Rundschau – eine „Washington Post“. Barack Vorkötter sei Dank. Wolfgang Michal: Traumberuf SCHUHrnalist — CARTA.

Vor dem Sauriersterben

Wäre ich ein Printmedium (Hinweis: Ich bin aber keins!), könnte ich noch besser verstehen, warum die Redaktionen von ehrwürdigen bundesrepublikanischen Blättern mit Ignoranz und/oder Wut auf alles herabsehen, was mit dem Internet und seinen Publikationsformen herabsehen. (Zweimal aktualisiert)

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Ende Gelände

An diesem Wochenende tauchte im Weblog Buzzmachine eine Meldung auf, deren Bedeutung gewaltig ist – auch wenn sie scheinbar en passant auftaucht. Sie handelt nicht von einem Dammbruch, aber von einem Riss. Und dieser Riss gesellt sich zu mehreren anderen in der jüngsten Zeit, die davon künden, dass die Zeitungsbranche nicht mehr lange Zeit hat, … Weiterlesen