Wer den Wal hat

Düstere Aussichten (Rheinsberg, abends)

Für Kenner habe ich da ein absolut zuverlässiges Rezept, sich einen an sich ganz passablen Wahlsonntag gründlich zu versauen: Zum Frühstück mit Cappucino und Oatmeal (Porridge ist was für Hipster!) die Wochenendzeitung auffem iPad lesen. Dann die üblichen Nachrichtenseiten auf dem gleichen iPad abklappern, dazu die persönliche Feedliste. Und überall: AfD, AfD, AfD. Als ob … Weiterlesen

4th of July, 2014

„Happy Birthday, America“, sagte Kollege Larz irgendwann an einem 4. Juli zwischen 1997 und 2003, und obwohl das natürlich Quatsch war – schließlich wurde der Kontinent, der heute Amerika genannt wird, allen Erkenntnissen zufolge nicht an einem 4. Juli erschaffen, er wurde nicht an einem 4. Juli entdeckt, und das Land, das am 4. Juli seinen Independence Day mit Barbecue und Feuerwerk feiert, umfasst ohnehin nur einen überschaubaren Anteil des Doppelkontinentes – fand ich „Happy Birthday, America“ doch witzig und erheblich sympathischer als das zwar stolze, aber doch ein wenig gestelzt daherkommende „Happy Independence Day“.

Heute ist es fast 18 Jahre her, dass ich in den US of A ankam, um dort zu leben und zu arbeiten, um meine Tochter auf die Welt kommen zu sehen, um möglicherweise für immer zu bleiben, so wie die Schwester meines Vaters im Jahr 1938 gekommen war, um für immer zu bleiben. Am 5. Juli 1996 ging ich zum ersten Mal mit meinem Journalistenvisum im Pass durch die Kontrolle am Dulles International Airport, und in den darauffolgenden Jahren feierte ich den 4. Juli jeweils mit Freunden und Bekannten, ich feierte die Unabhängigkeit einer Demokratie, ich feierte, dass mich das Land und vor allem seine Bewohner so aufgenommen hatten, dass ich mich sofort zuhause fühlte – und natürlich feierte ich auch ein klein wenig, dass dies das Land ist, in dem meine Tochter zuhause sein sollte.

Red, White, and Blue
Red, White, and Blue

Die USA in den späten 90er Jahren waren Clintonland, waren das Land, in dem das WWW an Popularität (und an Kommerzialität) so rasch gewann wie nirgendwo sonst und die Grundlage für eine ganz neue Informations-Infrastruktur bildete, war das Land, dem alles zu gelingen schien – was außerhalb der Landesgrenzen nicht nur Begeisterung hervorrief -, das Land, in dem lange Zeit das größte Problem zu sein schien, ob der Präsident nun mit einer Praktikantin herumgemacht hat oder nicht.

Weiterlesen

Liebes Mitvolk!

Wir müssen reden. Es dauert auch nicht lange.

Du, Mitvolk, und ich wissen Bescheid. Spätestens seit Snowden wissen wir Bescheid, und seit den Nicht-Reaktionen unserer Regierenden auf Nicht-Auskünfte und Nicht-Versprechen unserer besten Freunde jenseits des Atlantiks haben wir auch all die Klarheit, die wir uns nicht gewünscht haben: Es gibt im derzeitigen politischen System keine Absichten, uns unsere Privatsphäre zu lassen, aber alle Absichten, sie noch weiter auszuhöhlen, gerne im Namen eines un-erklärten Krieges gegen den Terror – „un-erklärt“ in dem Sinne, dass mir noch niemand wirklich erklären konnte oder wollte, welche Terroranschläge denn durch massenhafte Überwachung unserer elektronischen Kommunikation bisher verhindert werden konnten.

Aber egal. Wir haben es mit Regierenden zu tun, die kein Interesse daran haben, sich wirklich für unsere Privatsphäre einzusetzen, denn: Wissen ist Macht. Nichts wissen macht machtlos.

Weiterlesen

Wer die Wahl etc.

Eins weiß ich seit sechs Tagen: Wer als Wahlhelfer die Wahl hat, hat – zopfige Formulierung hin oder her – die Qual. Arg anstrengend ist so ein Wahltag für die auf der anderen Seite der Urne; das habe ich bei meinem ersten Einsatz als Wahlhelfer gelernt.

„Wie war’s?“ lautete am Tag danach die am häufigsten gestellte Frage der lieben Kollegen, die – ist im Nachrichtengeschäft eben so – den Wahlabend auch nicht friedlich im heimischen Wohnzimmer verbracht hatten; die zweithäufigste Frage war: „Wie wird man das?“

Aus chronologischen Gründen gibt es die Antwort auf die zweite Frage zuerst. Man muss nur an geeigneter Stelle, z.B. im Bürgeramt, wie ich es getan habe, leise „hier“ sagen (meist in Form einer schriftlichen oder elektronischen Anmeldung), und schon nimmt man den Freiwilligen mit Handkuss. Wahlhelfer werden offenbar immer gesucht – und mit einem Erfrischungsgeld von (z.Zt.) € 35,00 und jeder Menge Zählspaß geködert.

Weiterlesen

Die Aspirin-Lösung

Der vernetzte Mensch
Der vernetzte Mensch

Damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Die von mir immer wieder und gerade erst erneut jedem ans Herz gelegte elektronische Verschlüsselung von Daten ist nur ein technisches Hilfsmittel zur Bekämpfung der Symptome eines viel tiefer gehenden Mißstandes – so wie Aspirin zwar helfen kann, einen Migräneanfall einigermaßen zu überstehen, aber nichts dagegen tut, dass die Migräne zu einem anderen Zeitpunkt wiederkehrt.

Das eigentliche Problem ist nicht, dass NSA, GCHQ & Co. nahezu beliebig in unsere Telekommunikation hineinhorchen können. Natürlich ist das alles andere als nett, und der Umfang, in dem das den berufsmäßig Neugierigen gelingt, ist glattweg beängstigend; aber das ist nur der empfundene Kopfschmerz, das Symptom also, gegen das technische Hilfsmittel wie verschlüsselte Mails oder IMs zumindest zeitweise helfen oder auch nur den Eindruck der Hilfe machen, als Placebos der digitalen Gesellschaft. Schließlich – auch das wissen wir aus den Veröffentlichungen der letzten Tage – ist nicht jede Verschlüsselungstechnik gleich undurchdringlich.

Das eigentliche Problem aber, die Krankheit also, die hinter dem zunehmend stärker auftretenden digitalen Kopfschmerz steckt, ist ein anderes. Man kann es so zusammenfassen, wie es Patrick Breitenbach hier tut:

Nicht Barack Obama ist der mächtigste Mann der Welt, denn der geht im Zweifel in 3 Jahren wieder, es sind die hochrangigen Beamten in den jeweiligen Geheimdiensten, die 20, 30 oder 40 Jahre unabwählbar und unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Schlüsselpositionen sitzen und denen es also egal ist wer “unter ihnen Präsident ist”. Eine Schattenregierung mit unglaublichen Machtoptionen.

Weiterlesen

Agenda setting

Ich lese zwar keine Zeitung mehr, informiere mich aber – versteht sich wohl von selbst, oder? – weiterhin morgens, mittags und abends über die Dinge, die so in der Welt vorgehen; dabei spielen für mich neben dem meines eigenen Arbeitsgebers die Newsletter von zeit.de, nzz.ch und, nun ja, SParGEL.de (ach guck – Verlagshäuser der klassischen … Weiterlesen

Politik, deutsche!

I’m speechless. Speechless! I have no speech. (George Costanza, zit. n. WikiSein)

Regelmäßige Leser haben es sicher schon festgestellt: es gab nichts zu lesen an dieser Stelle in den letzten Tagen. Das lag nicht daran, dass es nichts zu sagen gäbe über die angebliche oder wirkliche Ahnungslosigkeit unserer Bundesregierung in Sachen Prism, Tempora & Co., über die Sache mit einem Prism oder zwei, und welcher Minister nun wofür zuständig ist, über die offenbar echte Verblüffung mehr oder weniger führender sog. Sicherheitspolitiker darüber, wie WWW (wir haben es ja erst seit 20 Jahren…) und Email (noch viel länger) funktionieren, über die Wurschtigkeit und Luschigkeit, die unsere Kanzlerin in dieser Sache demonstriert, aber auch über das Nichtsgewussthabenwollen früherer Regierungs- und Mitregierungsparteien…

Über all das gibt es mehr als genug zu sagen, nur eben nicht hier, weil: s.o. Ich bin buchstäblich sprachlos.

Ob es die Erkenntnis ist, dass offenbar weltweit Meinungs- und Gedankenfreiheit abgeschafft („Shtonk!“) wurden, ohne dass wir es gemerkt haben, dass die Privatsphäre abgeschafft („Shtonk!“) wurde, das Recht auf Unverletzlichkeit der eigenen Wohnung und das auf informationelle Selbstbestimmung („Shtonk, Shtonk!“), und das mit dem Verweis auf ein angebliches „Supergrundrecht“ (geht’s noch alberner, Herr Minister?), oder ob es die Erkenntnis ist, dass auf einmal im Grunde alle bisher halbwegs wählbaren Parteien und Politiker mit einem Schlag unwählbar geworden sind – ich bin sowas von sprachlos. Sprachlos vor Wut.

Weiterlesen

Denkzettel to self

Es ist ganz einfach: Wenn wir, die Bürger dieses schönen Landes, merken, dass die Regierung des gleichen schönen Landes etwas vorhat oder betreibt, mit dem wir ganz und gar nicht einverstanden sind, dann wählen wir diese Regierung eben ab und geben denjenigen Macht und Verantwortung, die uns versprechen, mit diesem Vorhaben oder Treiben aufzuhören. Dachten … Weiterlesen

Liebes Mitvolk!

Die FDP findet auch Konjunktive auf Wahlplakaten doof.
Die FDP findet auch Konjunktive auf Wahlplakaten doof.

(Diese oder eine ähnliche Überschrift habe ich vor einigen Jahren schon mal verwendet – in einer ganz ähnlichen Lage.)

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, liebes Mitvolk, aber ich habe keine Wahl. Obwohl: Natürlich habe ich die Wahl, wie jedes Mal, wenn wir, du und ich, aufgerufen sind, unsere Stimme abzugeben, damit wir die nächsten vier Jahre sie möglichst nicht mehr erheben mögen. Es ist nur so, dass ich, so (relativ) kurz vor der Bundestagswahl, echt nicht weiß, wem ich sie geben soll, diese Stimme.

Kennst du, dieses Gefühl, gell, Wahlvolk?

Nur gut, dass einem Scheißbürgerlichen wie mir die Extremen auf beiden Seiten zu, nun ja, extrem sind. So fallen einige Möglichkeiten, politische Dummheiten zu machen, schon mal weg.

Und über die Zeiten von Lagerwahlen („du rechts, ich gut!“) sind wir zum Glück auch hinaus. Was die Sache aber nicht einfacher macht.

Weiterlesen