Sonntag mit Herrn H.

Vorbemerkung: Habe gerade das da gelesen, und ich stimme argh! zu, wenn er sagt: „Man kann gar nicht soviel fressen, wie man kotzen möchte“ (war es nicht Liebermann, der das als erstes sagte?)

Und jetzt zum eigentlichen Text: Ich verbringe diesen Abend – mit Ausnahme der Minuten, in denen ich dieses hacke – mit der aktiven Förderung des Waldsterbens: Kaminfeuer und ein Buch in der Hand. Und da hört es auch schon auf, lustig zu sein (Menschen, die auf Lustiges hoffen, vertröste ich hiermit auf später, OK?).

Denn das Buch, das ich heute abend angefangen habe, zu lesen, heisst IBM and the Holocaust, behandelt die Verwicklung des heutigen Immer-Noch-Computerriesen und wurde im ablaufenden Spiegel schon vorgestellt. Deshalb, und weil ich wirklich erst ein paar Seiten gelesen habe, schreibe ich hier und heute nichts über dieses Buch – vielleicht später.

Ein Abend zum Lesen – ein Abend zum unglücklichen Grübeln. Denn das IBM-Buch ist bei weitem nicht das erste über diese Zeit. In meinem Regal stehen unter anderen: „Hitler“ von Joachim C. Fest, immer noch das Standardwerk zu dem Thema; „Hitler“ von Ian Kershaw, Band 1 und 2; „Explaining Hitler“ von Ron Rosenbaum, „Hitler’s Willing Executioners“ von Daniel Jonah Goldhagen, die eher vergessbaren und deshalb hier ungelinkten „Hitler’s Niece“ und „Hitler and Geli“, und natürlich Viktor Klemperers „Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten“.

Ausserdem fand ich heute nachmittag in der örtlichen Filiale von „Barnes & Noble“ (ja, die sind, anders als Amazon, nicht nur ein e-business!) ein ganzes Regal voller weiterer Bücher zur Zeit 1933-1945 und drumherum – und natürlich auch das vermutlich (ich habe es nicht gelesen) unsögliche Werk von Herrn H. selbst, „Mein Kampf“ (auch hier spare ich mir den Link).

Warum lese ich das alles? Als ich geboren wurde, war der tödliche Spuk schon mehr als 13 Jahre vorbei. Nur wenige aus der letzten Generation meiner Familie hatten unter der Naziherrschaft zu leiden; wie viele mitgemacht haben, weiss ich einfach nicht. Ich lebe heute in den USA, weit weg von dem gruseligen Treiben von deutschen Jungnazis aller Altersklassen (Horst Mahler ist beispielsweise nicht mehr jung, aber Jungnazi), und werde von älteren Amerikaner irrtümlich oft für einen Juden gehalten („Klein“ ist hier vor allem ein jüdischer Familienname).

Zugegeben: Rassismus ist den Amerikanern nicht wirklich fremd. Aber wenn die Rede auf Deutschland kommt, dann interessieren sich meine Gesprächspartner meist für die Kohl-Affären, für die Vergangenheit von Joschka Fischer, die Zukunft von Boris Becker oder für neue BMW-Modelle. Nur ganz gelegentlich ist der Streit um die Entschädigung von Zwangsarbeitern ein Thema.

Warum also komme ich von dem Thema nicht los? Ich könnte mich doch bequem zurücklehnen, was von „später Geburt“ faseln und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, und seine Frau Gemahlin eine reizende alte Dame. Warum hält mich also die Hitlerei so fest?

Erwarte jetzt keiner eine profunde Erkenntnis. Ich weiss es einfach nicht. Und ich weiss vor allem immer noch nicht, wie es dazu kommen konnte. Wie diese grausame Witzfigur und ihre Komplizen ein ganzes Volk (oder doch die Mehrheit) so mitreissen konnten, dass am Ende keiner mehr lachte. Und ich werde wahrscheinlich so lange weiter Bücher wie die aufgezählten lesen, bis ich zumindest den Schimmer einer Ahnung habe, wie das passieren konnte.

Nur manchmal, und in den seltsamsten Momenten, glaube ich der Lösung ganz nahe zu sein. Auf politischen Aschermittwochen, beispielsweise. Auf Rock-Konzerten. Bei der Beobachtung von Strassenschlachten. Eben überall dort, wo Menschen der Macht von Worten, lauter Musik, schlechter Luft etc. unterliegen und aufhören, sich wie Menschen zu benehmen.

OK. Keine Erklärung. Muss ich eben weitergrübeln.