Sommerpause: Der DAU ist unter uns

Im Sommertheater heute ein Text, der schon drei Jahre alt, aber immer noch aktuell ist:

Sie sind ganz gewöhnliche Menschen, jung, intelligent, attraktiv wie die meisten von uns. Auf der Straße würde man ihnen ohne weiteres Werbung für eine demokratische Partei in die Hand drücken – wenn man denn mit sowas seine Zeit vertäte. In Kneipen fände man diese Menschen intelligent und interessant – je später, desto intelligenter und interessanter. Und im Grunde könnte man sich sogar mit dem Gedanken an eine gemeinsame Zukunft mit einem dieser Menschen, männlich oder weiblich, je nach Vorliebe, durchaus anfreunden, wenn… wenn da nicht dieser seltsame, sagen wir: Defekt wäre.

Sobald diese Menschen nämlich sich aus der realen Welt verabschieden und ins Netz gehen, lassen sie das hinter sich, was man hoffnungsvoll den „gesunden Menschenverstand“ nennt.

Fall A: Zum Schutze der Privatsphäre wollen wir ihn Jonathan nennen (und bitten alle real existierenden Jonathane um Vergebung: Sie sind nicht gemeint!). Jonathan ist gewitzt, beliebt und erfolgreich, und auch wenn er ungefähr ein Jahr lang nicht verstehen wollte, dass zwar sein Nachname einen Umlaut enthält, nicht aber seine Mail-Adresse, hat er sich mit dem Medium Internet ganz gut befreundet. Bis zu jenem Tage, an dem er Mail von Bill Gates persönlich bekam.

Nun ja, nicht direkt von Bill Gates kam die Mail, sondern von einem Bekannten Jonathans, der sie wieder von einem Bekannten, und der wieder… Aber irgendwie kam diese Mail von Bill Gates, und der reichste Mann der Welt versprach jedem, der diese Mail weiterleiten würde, 245 Dollar bar aufs Konto, und für jeden, an die diese Mail weiter-weitergeleitet würde, nochmal 243 Dollar an den ersten Weiterleiter, und…

Das war der Moment, an dem die Sache ein wenig undurchsichtig wurde. Da war dann noch die Rede davon, dass Microsoft, AOL und Intel gemeinsam diese Aktion gestartet hätten (warum eigentlich?), und dann verlor Jonathan vor Begeisterung die Übersicht und leitete weiter. Unter anderem an den Endunterzeichneten, der zuerst einen Lachanfall bekam und dann seine bis dahin hohe Meinung von Jonathan etwas nach unten korrigierte. Von allen Ungereimtheiten in der Mail mal abgesehen, hätte Jonathan auffallen müssen, dass auch ein Multimilliardär nur eine begrenzte Anzahl von Milliarden sein eigen nennt, und das derartige Pyramidenaktionen selbst einen Bill Gates arm machten.

Fall B: Wir wollen sie Klementine nennen (und bitten alle real existierenden Klementinen und die aus der Waschmittelwerbung der 70er Jahre um Verzeihung). Klementine ist jung, hübsch, sportlich und außergewöhnlich intelligent. Klementine weiß, dass man unerwartete Mailanhänge nicht anklicken soll – schließlich hat Endunterzeichneter Klementine oft genug damit belämmert. Als ob es nicht lohnendere Themen mit jungen Frauen zu diskutieren gäbe.

Nun geschah es aber, dass Klementine Mail bekam. Unerwartete Mail. Mit einem unerwarteten Anhang. Der Virenschutz hatte nichts zu beanstanden, außer dass er schon seit einigen Wochen nicht mehr aktualisiert worden war. Und Klementine guckte auf ihren Bildschirm, drehte sich zu Endunterzeichnetem um und sagte, sie habe da diese Mail mit Anhang bekommen. Endunterzeichnetem, der von sich schon lange nicht mehr behauptet, jung, hübsch oder gar sportlich zu sein, fiel nichts anderes ein als zu sagen: „Aber nicht aufmachen, ja?“ Worauf Klementine sagte: „Ja, ich weiß. Aber das Ding läßt sich ja auch gar nicht aufmachen.“

Richtig. Sie hatte geklickt. Mehrfach. Und erfolgreich. Bis Endunterzeichneter an Klementines Computer war (er stand einige Meter entfernt), hatte ein bekannter Windows-Wurm sich schon an mehrere Dutzend von Klementines Bekannten verteilt.

Lange hat Endunterzeichneter darüber gegrübelt, was in den Fällen A und B schuld daran war, dass aus ganz normalen Menschen sogenannte DAUs (Dümmste Anzunehmende User) werden. Und dabei ist es doch so einfach: In dem Augenblick, in dem sich viele unserer Netz-Mitbürger vor den Rechner setzen und ihre reale Umgebung durch eine virtuelle ersetzen, ersetzen sie auch ihre reale Intelligenz durch eine virtuelle. Also eine, die gar nicht da ist.

Eine Moral hat diese Geschichte auch – sogar zwei. Für alle Jonathans gilt: Ein Angebot, das zu gut klingt, um wahr zu sein, ist es im Zweifelsfall auch. Und für alle Klementinen gilt: NICHT AUFMACHEN, VERDAMMT NOCHMAL!

(Dieser Text erschien zuerst am 10.08.2004 bei DW-World.de.)