Sei global, lese lokal

Der Trend geht zum regionalen oder sogar lokalen Verbrauch. Mein Gemüse kommt aus dem Tiefkühlfach der Region, meine Milch aus der Eifel, mein Wasser aus dem Hahn, und meine Krimis spielen in Berlin.

Als ich jung war, also im letzten Jahrtausend, beherrschte ein Autor die deutsche – nun ja, meine – Krimilandschaft, der sich nur -ky nannte und sich lange weigerte, seine wahre Identität bekanntzugeben. Schließlich tat es es doch, und die Welt und ich erfuhren, dass -ky die letzte Silbe des Namens von Horst Bosetzky war, der Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege des Landes Berlin war. Als ich selbst nach Berlin gezogen war, fand ich, dass er auch ein bisschen so schrieb wie ein Professor an einer Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege, verzieh ihm aber, weil er ähnlich wie ich ein heimlicher Fan der Berliner S-Bahn war. Und sein Dokukrimi „Wie ein Tier“ (Amazon-Link!) schubste meinen Krimigeschmack in die richtige Richtung: Berlin, gruselige Handlung, in gruseligen Zeiten.

In meiner zweiten Berliner Phase (2004-2017) fand ich dann heraus, dass man nicht Professor an einer Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege sein müsse, um gute Berlin-Krimis zu schreiben. Im Kulturkaufhaus Dussmann stieß ich auf David Downing, einen britischen Autoren, der u.a. eine Serie von Thrillern um den gebürtigen Briten John Russell (Amazon-Link!) schrieb, der in den dreißiger und vierziger Jahren in Berlin Spionage- und andere Abenteuer durchlebt; weil die Bücher nach Berliner Bahnhäfen (und einem Prager Bahnhof) benannt sind („Zoo Station“ „Lehrter Station“ etc.), sind sie auch als die „Station series“ bekannt.

Logische Folge dieser Lektüre war (logisch? Nun ja, Zufall spielte auch eine Rolle.), als nächstes die Gereon-Rath-Bücher von Volker Kutscher (Amazon-Link!) durchzuarbeiten – bekannt aus Funk, Film und Fernsehen als die Vorlage zu „Babylon Berlin“. Wieder Berlin, wieder Weimarer Republik, wieder Naziherrschaft.

Und dann – man liest ja nicht nur Krimikram, sondern ab und zu auch andere Medien – stand im Spiegel was über Philip Kerr, einen schottischen Autoren, der, so der Spiegel,

die Vorlage für Volker Kutschers Bestseller geliefert haben [könnte]

Der Spiegel: Der Mann, ohne den es »Babylon Berlin« vielleicht nie gegeben hätte

Gereon Rath heißt bei Kerr Bernie Gunther (Amazon-Link!), ist mal Berliner Kriminalpolizist, mal Privatdetektiv mit Nazi-Abneigung, dann wieder SS-Mann oder auch Agent für verschiedene Mächte, und was er erlebt, spielt sich zwischen den Zwanziger Jahren in Berlin und den fünfziger Jahren in Süddeutschland ab, mit Stationen in der Ukraine, Spanien, Argentinien, Frankreich etc. Und ja: Gegen ihn wirkt Gereon Rath mit seiner Aufrichtigkeit und betont unpolitischen Haltung ein wenig provinziell und einschichtig.

Die drei in diesem Text empfohlenen Autoren – Downing, Kutscher und Kerr – sind wirklich nicht die einzigen, die sich auf das Genre „Berlin/30er-Jahre-Krimi“ gestürzt haben. Da gibt es noch einige mehr – von eher regionaler Bedeutung, um es so zu sagen, weshalb ich sie auch nicht empfehle und/oder verlinke.

(Fast) allen gemeinsam ist, das irgendwo, irgendwie, irgendwann Ernst Gennat ein Rolle spielt, der legendäre Mordermittler der zwanziger und dreißiger Jahre, und dass alle Autoren historische Stadtpläne von Berlin an der Wand hängen haben müssen, auf denen sie gelegentlich S- und U-Bahnstrecken durcheinander bringen (was Len Deighton – Amazon-Link! – im West-Berlin der 60er Jahre übrigens auch schaffte), und die sie im Fall von Kerr auch gerne ignorieren, um Tempo in die Handlung zu bringen (im wirklichen Leben dauert die Fahrt vom zentralen Berliner Schlachthof bis nach Lichterfelde etwas länger als fünf Minuten…).

So. Genug geschrieben, zurück an den eReader, wo „Prague fatal“ auf mich wartet. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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