Schlaflos im Netz

Schlaflos, wie am Timestamp dieses Eintrags erkennbar. Schlaflos im guten Sinne, vor Vorfreude, aus privaten Gründen, die nicht hierher gehören. Womit wir beim Thema wären.

Wir Netzbürger leben zwei parallele Leben. Mindestens zwei. Manche leben sogar ein Second Life und halten das für ein zweites Leben. Doch soweit muss keiner gehen, um neben dem ersten, dem eigentlich, dem Leben auf Kohlenstoffbasis eine zweite Existenz aufzubauen, eine dritte, eine vierte.

Ein Beispiel: Netzbürger K. entdeckt nacheinander E-Mail, WWW, Usenet, eCommerce, Social Software etc. K. findet jede dieser Erscheinungsformen des vernetzten Lebens zunächst hochinteressant, später zumindest sehr bequem, wenn nicht unverzichtbar. K. stürzt sich also mit mehr oder weniger Energie in jede dieser Umgebungen und hinterlässt dabei Spuren: Mail-Adressen, die sich irgendwann als verbrannt herausstellen, Kontodaten, die man, ohne Böses zu ahnen, einem anvertraut, der die Sicherheit dieser Daten letztendlich doch nicht gewährleisten konnte (oder wollte), Äußerungen, die im Nachhinein ärgerlich oder peinlich sind.

Und bald geht es Netzbürger K. ganz genauso wie seinem kohlenstoffbasierten Bruder: er schleppt eine Vergangenheit mit sich herum, die er am liebsten vergessen wüsste. Aber während Carbon-K. auf die Vergesslichkeit seiner Mitmenschen zählen kann, sieht Netz-K. sich Google gegenüber.

„On the Net, nobody knows you’re a dog“ war ein beliebter Spruch in den frühen Jahren des Netzes: hinter mehr oder weniger albernen Pseudonymen (nein, ich werde jetzt keine Namen aus Netzbürger K.s Leben nennen!) versteckt glaubte K. sich sicher. Nach Jahren der Netzaktivität bleibt dem inzwischen datenschutzbewusst gewordenen Netzbürger als Trost nur noch ein anderer Spruch: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen hieß.“ Prinzip Hoffnung: Es wird schon keiner darauf kommen, dass der Autor eher peinlicher Beiträge in alt.software.microsoft.frontpage identisch ist mit dem arschcool abgeklärten Netzreporter späterer Jahre.

Gut, darauf ist – bis gerade eben – noch keiner gekommen. Aber die Zeit, als man die Fähigkeit kommerzieller Datensammler zum cross referencing von Datenbanken noch blauäugig unterschätzt, ist auch schon ein paar Jahre her. Netzbürger K. existiert nicht nur in seinen Aktivitäten, sondern auch als erschreckend exaktes Bild seiner Vorlieben und Gewohnheiten in den Sammlungen von Diensteanbietern aller Art.

Für uns Netzbürger der ersten Generation kommt diese Erkenntnis vielleicht ein wenig spät. Uns bleibt nur, wenigstens jetzt mit unseren Daten verantwortungsbewusst umzugehen und die Datensammler durch unlogisches Verhalten künftig ein wenig zu irritieren (nacheinander mickey-mouse.com und die Webseiten eines Gebissreinigerherstellers zu besuchen – wo habe ich dieses Beispiel noch gelesen?). Uns bleibt, den Widerspruch zwischen dem Bedürfnis nach privacy und dem nach Publikum (hallo, Kollegen Weblogschreiber!) dadurch zu mildern, dass Privates tatsächlich aus dem Netz herausgehalten wird (womit einerseits der alte Widerspruch zwischen Weblogs und Internettagebüchern nach fünf, sechs Jahren wieder mal thematisiert wäre, andererseits das Netz aber auch erheblich langweiliger würde).

Und dann bleibt uns auch die Hoffnung, dass eine Generation, die mit dem Netz aufwächst, mit den fundamentalen Rahmenbedingungen der Informationsgesellschaft vielleicht ein wenig geschickter umgeht als wir, die wir diese unbekannte Welt unter Einsatz der eigenen Datenintegrität erforscht haben. Obwohl: Generation Jamba gibt wenig zu Hoffnung Anlass.

Wird Zeit, ins Bett zu gehen.