rpTEN – Der Morgen danach (wonach?)

Sie kennen die Situation? Sie sitzen in einem Raum, in dem Interessantes ge- oder besprochen wird, Ihnen kommt gerade ein möglicherweise revolutionärer Gedanke zum Thema, da fängt irgendwo im Raum einer an zu husten. Und hört nicht mehr auf, hackt seine Lunge stückweise in die Umgebung, tut einem irgendwo auch leid, aber kann der Arsch nicht einfach mal den Raum verlassen?

Der Arsch war ich, bis ich vor etwa zehn Minuten den Kampf gegen den Hustenreiz und die weitere Teilnahme an der Veranstaltung CTRL aufgab.

We live in an era of ubiquitous surveillance. Surveillance is however seldom a goal in itself, but part of a larger scheme of socio-political domination. This talk will examine a few pieces of the puzzle leading to societal control: control of your activities via the internet, of your thoughts via the media and of your movement via border surveillance.

Eigentlich Pflichtprogramm, auch wenn ich auch hier – wie überhaupt oft auf der re:publica – den Eindruck hatte, es würde zu den bereits Bekehrten gepredigt. Aber das gehört auch zum re:publizieren (oder wie das Verb zur re:publica heißt): die Bestätigung der eigenen Meinung durch andere, möglicherweise Kompetentere.

Womit wir bei Gunter Dueck wären.

Gunther Dueck spricht
Gunther Dueck spricht

Ihm zuliebe… nein, seiner Predigt zuliebe hatte ich sogar das Panel sausen lassen, auf dem u.a. mein Oberboss über die Battle of the worldviews sprach. Aber dank Facebook wusste ich, dass ein Kollege im Publikum dieser Diskussion saß, also weiß ich, wen ich fragen kann, was mein Intendant denn gesagt hat.

Aber zum Thema „Cargo-Kulte mit @wilddueck“. Gunter Dueck gehört wie der Mann mit dem roten Besen auf dem Kopf Iro-Schnitt ein wenig zur re:publica-Folklore. Er ist da, er spricht, er hat Lacher (auch wenn ich nicht immer weiß, ob sein timing zwischen genial und daneben schwankt, oder ob das so sein soll, mit diesen Pausen, in denen eben kein Lacher kommt…) – und er predigt mehr oder weniger zu den Bekehrten. Letztes Jahr ging es um Schwarmdummheit, dieses Jahr um Cargo-Kulte, und im Grunde geht es immer um das Gleiche: um das Spannungsfeld zwischen buzzwords und echter, zu leistender Arbeit, zwischen Konzepten und echter, zu leistender Arbeit, zwischen denen, die „Arbeit geben“, und denen, die sie tatsächlich ausführen, und um die vielen Irrungen und Dummheiten, zusammengefasst von mir von Dueck am Beispiel „Agiles Projektmanagement“:

Ja. Ist alles richtig. Als ich vor einem Jahr den Link zum Videomitschnitt des 2015er Dueck in der Redaktion verteilte, war die Reaktion ein pauschales „Ja, so ist es.“ Wenn ich das gleiche in diesem Jahr mache, sobald der Vortrag online ist, (Update: Hier ist er schon) wird die Reaktion nicht anders sein. Und auch das Publikum im Saal machte „Ah“ und „Ja“ und klatschte und lachte an den richtigen Stellen – und ich frage mich, ob ich der einzige bin, der gemerkt hat, dass wir, die Schreibtischtäter, die Projektnasen, die Arbeitsbienen 2.0, Teil des Problems sind, nicht Teil der Lösung, weil wir den Scheiss mitmachen, der Industrie 2.0 oder 4.0, Medien 3.0 oder Gesellschaft 5.0 sein soll.

Ja, wir mögen buzzwords, schon weil man sie so schön ironisieren und trotzdem benutzen kann. Aber ein wenig reality check wäre nicht schlecht, nicht nur einmal im Jahr in Berlin, sondern – nur so’ne Idee – einmal am Tag im wirklichen Leben. Das ist meine Erkenntnis nach dem diesjährigen Dueck.

Und an seinem Timing könnte er wirklich noch arbeiten. Aber wahrscheinlich ist es schon genial, und ich merke es bloß nicht.