Rituale, alt und neu

Spätes Frühstück mit Herings- und anderen Salaten – check. Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im ZDF – Check. Neujahrsskispringen – och nö, diesmal nicht. Lieber was ins Blog schreiben.

Der 1. Januar ist für ein Gewohnheitstier wie mich ein Tag der Rituale, unverändert oder abgewandelt. Das Neujahrskonzert ist seit fünfzig Jahren fester Neujahrs-Bestandteil dank meiner musischen Mutter. Das Neujahrsskispringen hat mein eher sportlicher Vater in den Kanon eingetragen; aus irgendeinem Grund hat die Attraktion aber nachgelassen – vielleicht, weil Springen und Übertragung inzwischen technisch perfekt sind? Die Salate waren vor vierzig Jahren noch selber gemacht, und die Hauptrolle spielte ein Rindfleischsalat nach eigenem Rezept (mit Eiern und Walnüssen, wenn ich mich richtig erinnere). Diesmal waren sie vom Delikatessendealer. Und auch das mit der Familie, die sich vorm Fernseher versammelt, ist unterschiedlich: Wenn Kinder im richtigen Alter, dann Familie. Wenn Kinder aus dem Haus oder beim Skifahren, dann eher nicht.

Soweit die Neujahrsrituale der alten Art.

Zu den neuen Ritualen, nicht unbedingt nur an Neujahr, sondern wann und wo immer größere Menschenansammlungen zu erwarten sind, scheint inzwischen aber auch die Terrorangst zu gehören. Gestern abend also wurden der Hauptbahnhof und der Pasinger Bahnhof der Stadt, in der ich mich gesundheitshalber noch befinde (lange Geschichte, keine Pointe!) wegen konkreter Anschlagsgefahr gesperrt. Die Hinweise kamen u.a. – so heißt es – von ausländischen Geheimdiensten, und sie waren „nicht unter den Teppich zu kehren“, wie die Sprecherin der Münchner Polizei erklärte. Was im Umkehrschluss also bedeutet, dass es auch konkrete Terrorhinweise gibt, die unter den Teppich… aber lassen wir das.

Zweierlei: Wie ich schon zu meinen US-Zeiten (also vor mehr als zwölf Jahren) mal ins Blog schrieb (leider nicht mehr im Netz – wer kann auch ahnen, dass das so lange aktuell bleibt!), ist Terrorangst aus der Sicht der Terroristen die wirtschaftlichste und am wenigsten gefährliche Form des Terrorismus: Man muss keine Freiwilligen für den Selbstmordanschlag finden, hat den ganzen Ärger mit der Logistik nicht, riskiert letztendlich keine Strafe und bringt doch das Leben der, sagen wir: Zielgruppe durcheinander, versaut ihr gründlich die Stimmung und/oder das Geschäft und hält sich selbst im Gespräch. Einfach, billig, ungefährlich und wirksam.

Und zweitens: Ja. Ich verstehe, dass Sicherheitsorgane reagieren müssen – täten sie es nicht, und es passierte wirklich etwas, hätten sie den einzigen Job, den sie haben, nicht getan. Und ich verstehe auch, dass man als Sicherheitsorgan seine Quellen und Erkenntnisse nicht immer offenlegen kann, ermittlungstaktische Gründe, Sie verstehen. Aber ich möchte auch, dass die Gegenseite – und das ist in diesem Fall nicht der IS, sondern die Sicherheitsbehörden – nicht glaubt, sicht immer und in Zukunft eher weniger als mehr darauf zurückziehen zu können, von gesicherten Informationen befreundeter Dienste zu raunen. Einfach deshalb, weil diese Dienste, wie wir inzwischen wissen, alles andere als befreundet sind, sondern ihre eigenen Interessen bzw. die ihrer Mittelgeber vertreten, und weil sie alle miteinander nicht wirklich Vertrauensarbeit geleistet haben in den letzten Jahren. Ganz und gar nicht.

Deshalb: Nein, ich lasse mir keine Angst einjagen. Und wenn die Gesundheit mitspielt, fahre ich morgen mit dem Zug nach Hause.