Richtigstellung

Beim Saubermachen im „Archiv“-Ordner gefunden: einen Text, den ich vor mehr als sechs Jahren in Washington, kurz vor der Wahl, die Al Gore gewann, und die George Bush II. zum Präsidenten machte, geschrieben habe. Dieser Text war nicht in meinem damals noch in Vorbereitung befindlichen Weblog erschienen, sondern für meinen Arbeitgeber bestimmt:

Er wird uns fehlen. Bill Clinton, der (bei Republikanern) meistgehasste Demokrat, der treulose Ehemann, der (meist) erfolgreiche Aussenpolitiker, der mäßige Saxofonist, der fanatische Jogger und Golfspieler, der Charmeur, der erst zweite Präsident in der US-Geschichte, der ein Amtsenthebungsverfahren durchzustehen hatte, der beste Redner, den Washington seit langem gesehen hat – er wird mir fehlen, egal, wer die Wahl gewinnt und nächster Präsident der Vereinigten Staaten wird.

Er prägte unsterbliche Sätze wie „Ich hatte keinen Sex mit dieser Frau, Frau Lewinsky“. Er hatte genug Selbstbewusstsein, sich selbst in einem Juxvideo als unterbeschäftigte, nahezu bedeutungslose „Lahme Ente“ zu präsentieren. Und selbst seine schärfsten Feinde mussten nach dem sechsten Bier zugeben, dass er mehr intellektuelle Brillanz aufzuweisen hat als irgendjemand sonst im Washingtoner Politikbetrieb.

Zugegeben: Spasskultur ist nicht alles, und gerade beim mächtigsten Mann der Welt kommt es nicht unbedingt auf den Unterhaltungswert an. Aber nun?

Amerika hat die Chance, in den nächsten vier Jahren entweder von einem blutarmen Technokraten oder einem fröhlichen Leichtfuss regiert zu werden. Die Chance stehen gut, dass diese vier Jahre aus Sicht des Publikums weniger aufregend werden als die letzten vier. Es kann sein, dass sich das politische Washington auf seine eigentliche Aufgabe als Machtzentrum der westlichen Welt konzentriert. Es kann aber auch sein, dass die Amerikaner ihr ohnehin schwaches Interesse an Politik noch weiter verlieren.

Es ist festzustellen, dass ich mit diesen an sich bomben(höhö)sicheren Vorhersagen doch gründlich danebengelegen habe, vor allem mit den unaufregenden Jahren. Aber schon sehr gründlich.