RetroRadio oder Ein Stellengesuch

Vor 24 Stunden hatte ich die Hälfte einer ärztlich verordneten Warte- und vor allem Wachzeit hinter mir. Hintergrund: Ein Stress-EEG war notwendig geworden, so etwas wie das Gegenstück zum Belastungs-EKG. Der Stress wurde durch eine Nacht Schlafentzug und ein frühmorgendliches Blitzebombardement erzeugt. Falls es jemand interessiert: Meine Birne und deren Inhalt sind noch immer stressresistent, thank you very much. Aber darum geht es jetzt gar nicht.

Die Wachzeit verbrachte ich im Aufenthaltsraum von Station 11 eines Berliner Krankenhauses, allein mit einem Buch und meinem iPod. Auf dem iPod Musik aus den letzten sieben Jahrzehnten, mit klarem Schwerpunkt in den siebziger bis neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, also der Zeit, in der ich mit großer Begeisterung und – glaube ich – einigem Erfolg selbst Radio gemacht habe.

Mag es die nächtliche Einsamkeit oder die Aussicht auf etwas mehr Klarheit über den eigenen Gesundheitszustand sein – seit gestern morgen beutelt mich die Radio-Nostalgie. Ich wünsche mir ein Radio, dessen Moderatoren mehr mitbringen müssen als pathologisch gute Laune, dessen Programmverantwortliche noch nicht dem Wahn verfallen sind, nur ein Markt von fast ununterscheidbaren Programmen sei ein echter Markt, ein Radio, auf dessen Musik-Playlists nicht lauter mir zu Recht Unbekannte stehen (OK, die Achtziger hatten Stock-Aitken-Waterman, also war auch damals nicht alles Gold!), und dessen Budget und/oder Infrastruktur noch Journalismus zulässt. Ich wünsche mir ein gutes, hörbares, hörenswertes Radio. Und finde zumindest im Berliner Markt auf der einen Seite nur die Kopien der Kopie der Kopie des erfolgreichsten Formatprogramms ever, auf der anderen Seite Sparten- und Splitterprogramme, denen sofort anzuhören ist, warum sie nur von wenigen tausend Hörern ertragen werden.

Am erträglichsten im Berliner Angebot ist aus meiner Sicht – wenig überraschend – Radio Eins. Aber ich will auch kein Radio, das erträglich ist, sondern eines, das zu hören wirklich Freude macht.

Notfalls würde ich’s ja selbst machen…