Replay: Liebe Internet-Nichtversteher…

…liebe Facebookparty-Verbieter, Street-View-Angsthasen, Sendezeiten- und Altersgrenzen-Befürworter, liebe Mail-Ausdrucker, Explorer-Nutzer, Stoppschild-Errichter und Google-Verklager, kurz: liebe Internet-Nichtverstehenwoller,

es ist schon ein rechtes Kreuz mit euch. Nicht, dass eure Vorschläge immer frei von Komik und Unterhaltungswert wären, nicht, dass ich in einem langen Berufsleben nicht auch das Weghören gelernt hätte – es ist nur so, dass ihr ab und zu seltsame Vorschriften auf den Weg und sogar durch Parlamente und andere Entscheidungsgremien bringt, von denen euch erst hinterher klar wird, was anderen schon vorher klar war, nämlich dass sie

  1. nichts nützen
  2. verfassungswidrig sind und/oder
  3. nicht umsetzbar sind.

Und alles nur, weil ihr Angst vor dieser fremden Welt habt, in der jeder sagen und schreiben darf, was er will, ohne Lizenz und ohne teure Druckerpresse und ohne funktionierende Sicherung im Gehirnkastl (ja, auch das soll vorkommen).

Die Sache ist nur die: Das, was sich nach eurer Ansicht in einer fremden Welt, nämlich in diesem Internet, abspielt, spielt sich in Wirklichkeit in eurer Welt ab. Und die Gesetze und Vorschriften dieser Welt sind auch aufs Netz anwendbar und anzuwenden.

Die Sache ist aber noch viel schlimmer – und jetzt müsst ihr ganz tapfer sein, Nichtversteher: Das Internet ist nicht nur keine fremde Welt, es ist überhaupt keine.

Das Netz ist das Abbild der realen Welt mit medialen Mitteln, genauso wie es Bilder sind (die nicht auf Flickr zu finden sein müssen), Videos (die nicht auf YouTube laufen), Texte, die nicht nur als HTML-Dateien vorkommen, sondern als gedruckte Texte in Zeitungen, Zeitschriften und – Achtung, Achtung! – Büchern, als gesprochene Texte in der Diskussion am Stammtisch genauso wie in der Feierstunde in Schloss Bellevue, Ideen, wie sie in unser aller Köpfen (von Ausnahmen abgesehen) entstehen und sich den Weg in eine Art von Öffentlichkeit bahnen. Dass dieses Abbild sich manchmal etwas bunter und chaotischer darstellt, als ihr verknusen könnt, liegt daran, dass die Welt etwas bunter und chaotischer ist, als ihr euch vorstellen wollt.

Flashmobs entstehen im Netz. Zu Demos oder auch nur Grillfeten am Fluß hat man sich früher am Telefon, am Arbeitsplatz, an der Uni oder per Handzettel verabredet. Streetview zeigt mir, wie eine Straße aussieht. Das gleiche Bild sehe ich, wenn ich in diese Straße fahre. Und ja, auch vor Erfindung des Internet fanden Bösewichte Möglichkeiten, ihre Untaten zu verabreden. ’s isch wahr.

Aber das wird euch nicht abhalten, weiter am Netz herumregulieren und euch zum Narren machen zu wollen. Wahrscheinlich trauert ihr auch noch den Bahnsteigkarten und den Selbstschussanlagen an roten Ampeln hinterher.

Ach, die letzteren gab’s gar nicht? Schade, wa?

(Dieser Text stand am 31. Juli 2011 schon einmal im Netz, als konstantinklein.com noch ein Weblog war. Weil meine Serverstatistiken sagen, dass dieser Beitrag seither einer der meistgesuchten ist, steht er jetzt wieder hier.)

2 Gedanken zu „Replay: Liebe Internet-Nichtversteher…“

  1. Vielen Dank fürs Wiedereinstellen dieses – trotz des traurigen Themas – sehr erheiternden Artikels. Ohne diese Republikation wäre ich vielleicht nie in den Genuss seiner Lektüre gekommen und ich darf mich glücklich schätzen, dass mir solch grausames Schicksal dank Deiner redundanten Blogführung erspart geblieben ist.

    Es grüßt,
    ein Neuabonnent

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