Relevanz, nicht Firlefanz

Schon früh im Berufsleben, also im letzten Jahrtausend, habe ich gelernt, dass bestimmte Themen einfach „ins Programm müssen“, damit das Programm beim Publikum als relevant angesehen (und gehört) wird. Diese Themen waren (und sind) von hohem Gesprächswert, wobei es leider egal war und ist, wer diesen hohen Gesprächswert initialisiert hat. So haben meine Kollegen und ich viele Male Themen ins Programm gepackt, die wir eher für unwichtig gehalten hatten, die aber eine bundesweite BILD-Schlagzeile „geadelt“ und zum bundesweiten Gesprächs- oder besser Aufregerthema gemacht hatte.

Viele dieser Aufregerthemen habe ich als Redakteur verantwortet oder als Moderator von Früh- oder Talksendungen diskutiert – oft, weil sie mich selbst auch interessiert hatten, oft aber auch, um die Relevanz des Programms oder Senders beim Publikum zu erhalten. Auch so funktioniert Journalismus.

Unter dieser Prämisse – was im bezahlten Journalismus funktioniert, muss doch auch im unbezahlten richtig sein – müsste ich in den vergangenen Monaten auf diesen Seiten, Journalist der ich bin, doch viel mehr meinungsstarke Texte abgelegt haben: Pegida, Flüchtlingskrise, der Rechtsruck in Polen, Ungarn, Frankreich und (etwas zivilisierter, aber nicht weniger erschreckend) in Großbritannien, zuletzt die Vorgänge am und im Kölner Hauptbahnhof – Themen für Aufregertexte gibt es mehr als genug, und das bestätigt mir auch jeder Blick in die Timelines auf Twitter, Facebook oder im Feedreader.

Nun ist es so – vielleicht habe ich es hier auch schon durchschimmern lassen -, dass ich in den letzten Monaten meine eigenen persönlichen Aufregertexte zu durchleben hatte und auch nicht sicher bin, ob diese Aufregersträhne jetzt vorbei ist. Aber das ist nicht der Grund für mein Schweigen zu vieler dieser Themen.

Einerseits bin ich angesichts der Entwicklung in Europa tatsächlich oft so sprach-los, dass es mir die Sprache verschlägt. Andererseits frage ich mich aber auch, was es zur Diskussion beiträgt, wenn fünf Minuten, fünf Stunden oder fünf Tage nach dem Aufkommen eines neuen Aufregers auch noch olle Klein um die Ecke kommt und mitkräht: „Orban ist ein schmieriger Opportunist, die neue polnische Regierung ist ein finsterer Witz von einem Staatsstreich von oben, Pegidisten sind widerwärtig in ihrer Dumm- und Verbohrtheit“ und was es an Einstellungen und Meinungen sonst so zu verbreiten gäbe – auch zum Beweis, dass man zu den Denkenden, zu den Demokraten, zu den Immer Noch Freigeistigen im Lande gehört.

Ach Leute. Wer mich kennt, weiß das doch. Ich muss doch nicht nachplappern, was Jüngere, Schnellere oder einfach Gesündere schon mindestens so treffend formuliert haben, wie ich es vielleicht auch schaffte. Und für die Relevanz dieser Seiten täte ich auch nicht so viel, um die Aufnahme jedes Aufregers zu rechtfertigen. K [journ.] ist nun mal kein Nachrichtenmagazin.

Und Kommentarthreads – es spricht der Alte Zausel™ – haben mich auch schon mehr motiviert als in diesem Tagen, in denen ich sie meisten nur sehr ermüdend finde und am liebsten mit „Hat einer schon den Nazivergleich gezogen, damit wir das hier abschließen können?“ beenden würde.

Nennt es das Gejammer eines alternden Journalisten, dem die Welt insgesamt zu schnell zu fremd zu werden beginnt, nennt es das Gefasel eines kranken Mannes, aber: Manchmal habe ich einfach die Schnauze voll von der Welt. Und in der letzten Zeit immer öfter.

2 Gedanken zu „Relevanz, nicht Firlefanz“

  1. Nativergleich wäre dann wohl dass Aufeinandertreffen zweier Fußball Nationalmannschaften, wovon die eine die Schweizer Auswahl sein müsste.

  2. Lieber Kostja, ich wünsche Dir einfach nur gute Besserung, einen allzeit funktionierenden Frank Schrittmacher und eine Pumpe, die Frank gehorcht. Kurzum: Alles Gute auch im neuen Jahr!

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