Regeln: was geht, was nicht geht

Washington, in ruhigeren Tagen

Washington, in ruhigeren Tagen

Ich mein‘, ich bin ja selber schuld: Da widerrufe ich kurzfristig meinen Ausstieg aus der Bloggerwelt, weil die Welt ganz allgemein aus den Fugen gerät. Und gleichzeitig nehme ich mir vor, kein monothematisches Trump-Blog auf den Server zu packen, und halte mich mit Trump-Themen zurück. Nur: beides zusammen – das geht nicht.

Ein Blick auf den Kalender: Wir leben im 21. Jahrhundert. Für uns West- und Mitteleuropäer waren die letzten 72 Jahre eine Periode des Friedens, des Aufbaus, des Wohlstandes. Zumindest in West- und Mitteleuropa haben die Menschen gelernt, zivilisiert und konstruktiv miteinander umzugehen.

Dazu gehört auch der Luxus, sich im Umgang miteinander an Regeln halten zu können, ohne sich innerlich zu sehr verbiegen zu müssen. Das scheint inzwischen anders zu werden.

Beispielhafte Regeln

Zu den Regeln, die mir – rein zufällig – einfallen, gehört zum Beispiel:

  • Bei allen Meinungsverschiedenheiten gibt es einen sozialen Grundkonsensus darüber, wie die Welt um uns herum aussieht, was wahr ist und was nicht. Wie die Welt aussieht, mag nicht jedem von uns passen; dass sie so aussieht, war bisher unumstritten.
  • Demokratie ist vielleicht nicht die beste, sicher aber die bestmögliche aller Staatsformen.
  • Demokratisch gewählte Regierungen sind legitim; Staatsstreiche, ob von unten, von oben oder von innen, sind der Größte Anzunehmende Unfall einer Demokratie.
  • Ferndiagnosen sind wissenschaftlich und menschlich ein No-Go.

Tscha. Und es ist Mitte Februar, und die genannten Regeln gelten nicht mehr. Punkt für Punkt.

Postfaktisch my ass!

Dass wir im sog. post-faktischen Zeitalter leben, haben wir amtlich: Die Gesellschaft für Deutsche Sprache (amtlicher geht’s nicht!) hat den Begriff zum Wort des Jahres 2016 gemacht. Welche soziale, intellektuelle und kulturelle Katastrophe dahinter steckt, wird uns dagegen erst langsam klar.

Damit die Mitglieder einer Gesellschaft in Frieden mit sich und miteinander leben können, müssen sie anerkennen, in ein und derselben Welt zu leben; anders hat es keinen Sinn, über diese Gesellschaft und ihre Weiterentwicklung auch nur nachzudenken. In der post-faktischen Gesellschaft erleben wir aber fassungslos, wie an sich klare Sachverhalte plötzlich völlig unklar werden. Da wird aus einem verirrten Silvesterböller ein Anschlag auf das Christentum. Da werden – gleichzeitig! – ein Mordanschlag eines Einzelnen einer ganzen  Bevölkerungsgruppe in die Schuhe geschoben und der Anschlag komplett angezweifelt – weil einer der Augenzeugen von Beruf Schauspieler ist; so gesehen in den Kommentarspalten, die ich beruflich zu bearbeiten habe. Und da bezeichnen (nicht nur) Politiker Nachrichten, die ihnen nicht ins Weltbild passen, als fake news, als „Lügenpresse“, und unterminieren damit die öffentliche Diskussion gleich ganz.

Die Sache mit der Demokratie

In den letzten Jahren kam das Wort von der „Schwarmintelligenz“ auf (und auch der Begriff „Schwarmdummheit“, letzterer bisher eher vereinzelt).

Kollektive Intelligenz, auch Gruppen- oder Schwarmintelligenz genannt, ist ein emergentes Phänomen. Kommunikation und spezifische Handlungen von Individuen können intelligente Verhaltensweisen des betreffenden „Superorganismus“, d. h. der sozialen Gemeinschaft, hervorrufen. (Quelle: Wikipedia)

Auch wenn der Begriff vergleichsweise neu ist – die Idee dahinter ist so alt wie die Demokratie. Denn die Idee, dass eine Mehrheit einer Gruppe im Zweifelsfall die beste Entscheidung für diese Gruppe fällt, ist die Grundfunktion der Demokratie. Und auch wenn wir reichlichst Ausnahmen für diese Regel aufzählen könnten, sind wir West- und Mitteleuropäer in den letzten 72 Jahren nicht schlecht damit gefahren.

Umso ernster sollten wir Gunter Duecks oben verlinkte Idee von der Schwarmdummheit nehmen, von der Manipulierbarkeit des Schwarms, die unseren Vorfahren eine demokratisch gewählte Regierung Hitler gebracht hat und uns das postfaktische Zeitalter. Und plötzlich sind die Ergebnisse demokratischer Prozesse alles andere als die bestmöglichen.

Und plötzlich werden Staatsstreiche – ein absolutes No-Go in der Demorkatie – zum Mittel der Politik, selbst gescheiterte, wie die Entwicklung in der Türkei des Recep Tayyip Erdoğan zeigt. Viel bedenklicher ist, wenn als Lösung für das Problem der postfaktischen (und offenbar wenig kompetenten) Regierung Trump Staatsstreiche von innen zumindest diskutiert werden.

„Der spinnt doch“

Und schließlich die offene, ungehemmte Diskussion des geistigen Gesundheitszustand des US-Präsidenten. Dass Donald Trump ein sehr ichbezogener Mensch zu sein scheint, steht für jeden, der seine Äußerungen verfolgt, außer Frage. Narzissmus ist ein Wort, das in seinem Zusammenhang oft fällt – doch das grenzt schon ans Problematische, denn eine fundierte psychiatrische Diagnose dieses Zustandes ist meines Wissens nie gestellt, jedenfalls nie veröffentlicht worden.

Berichte aus den USA gingen schon vor seiner Wahl soweit, die Selbstverliebtheit des Präsidenten in einen pathologischen Zusammenhang zu stellen. Bis vor kurzem wären Diagnosen auf der Basis von TV-Aufzeichnungen gerade mal in einem wüsten Wahlkampf denk- und verwerfbar gewesen; im Jahr 2017 sind sie offenbar legitimer Diskussionsstoff. Weit haben wir es gebracht.

Wir sehen, wie in diesen Jahren, im Zeitalter von fake news, Lügenpresse und den neuen Herrschern Regeln über die Wupper gehen, die wir für selbstverständlich im aufgeklärten Umgang miteinander gehalten haben. Das Beispiel des Egomanen und Geschäftsmanns Trump (der partout keinen Interessenkonflikt zwischen dem Bauunternehmer und Hotelier und dem Präsidenten erkennen will) zeigt, wie durch gezielte Verletzungen der Regeln die Demokratie für persönliche Zwecke missbraucht werden kann; das gleiche Beispiel zeigt aber gleichzeitig, wie auch die Gegner der neuen Herrscher sich nicht anders zu helfen wissen, als Regeln zunehmend zu missachten und außer Kraft zu setzen.

tl;dr: Ich habe ernsthaft Angst um die Demokratie, wie wir sie kennen.