Real Time, Baby!

Hergehört, ihr Netzoptimierer, Internetregulierer, Videoprediger, ihr Anwälte des Qualitätsjournalismus, ihr Gläubige des rechtsfreien Raumes, ihr Twitterverächter und Bunteseitenfürdasinternethalter:

You ain’t seen nothin‘ yet!

Ihr glaubt im Ernst, ihr wüsstet, was Web 2.0 (im Falle der Regulierer und Rechtsfreigläubigen: 1.0) ist. Ihr plustert euch auf mit eurem Wissen, was euch nur mangels Widerlegung zu Fachleuten macht, und ihr glaubt allen Ernstes, das Internet sei für den PC gemacht.

Arme Irre. Jetzt bloß nicht mit den Augen klimpern, sonst könnte euch passieren, dass ihr ganz kurz mal nicht hinguckt und das Netz danach nicht mehr wiederkennt. Wenn ihr wollt, können wir das ruhig den Real-time-Effekt nennen.

Vor drei Stunden ist es mir aufgefallen, als Facebook den Live feed wieder einführte. Vor einer Stunde ist es mir aufgefallen, als ich zum ersten mal über Raindrop las, eine neuartige Kommunikationsplattform aus dem Hause Mozilla, die – wenn ich es richtig verstehe – eine Art Gegen-Wave werden soll. Schon vor Wochen ist es mir aufgefallen, als ich PubSubHubbub zum ersten Mal hörte und gleich hier, an dieser Stelle einsetzte, damit auch diese Seiten an der Entwicklung im Rahmen des Möglichen teilhaben.

Welcher Entwicklung?

Das Netz, wie wir es kennen, ihr Bescheidwisser aus dem ersten Absatz, wird euch um die Ohren fliegen – eher früher als später. Bunte Seiten mit gebremster Interaktivität, publizistische Eineinhalbbahnstraßen, Nahzeit-Kommunikation hinterm Gartenzaun eines Lieblingsanbieters – all das könnt ihr demnächst unter „Erledigte Fälle“ abheften. Das Netz wird endgültig echtzeit-kommunikativ und -kollaborativ, und damit ist es, habtihrnichtgesehen, zum Kommunikationsmedium geworden, und ihr könnt eure Träume von yet another distribution channel gerade mal in der Pfeife rauchen.

Wer’s bis jetzt noch nicht gemerkt hat: Ich bin ganz schön aufgeregt über die Möglichkeiten, die sich uns zunehmend bieten.

Zwar dümpeln die Google-Wellen zumindest in meinem Waveboard-Fenster noch ein wenig vor sich hin, aber das hat vor allem mit dem Alpha-Stadium zu tun und damit, dass ich die Leute, mit denen ich am intensivsten zusammenarbeiten und Wellen schlagen werde, erst zu einem kleinen Teil mit Einladungen habe versorgen können. Zwar interessieren mich Echtzeitsuchen nach Tweets einen feuchten Kehricht, ob in Google oder in Bing, aber das mag mein persönlicher Fehler sein. Aber nach 15 Jahren in einem Netz, das überwiegend aus „Seiten“ besteht, sehe ich doch mit großen glänzenden Augen (nein, das ist nicht das Betäubungsmittel des Zahnarztes, das da noch wirkt), wie das Netz jetzt seine zweite Stufe zündet.

Aufregende Zeiten, das!