re: state of the re:publica

Dritter Tag der re:publica 2015. Wie immer, der Tag für die Spezialthemen, fürs Bunte, (Update: fürs Anspruchsvolle, siehe weiter unten), für alle die, die nur zwei Tage für die re:publica frei machen (können) und sich den Dritten Tag verkneifen.

Ruhige Minuten auf der re:publica

Ruhige Minuten auf der re:publica

Das bedeutet keinesfalls, dass die Themen des Dritten Tages weniger wichtig sind. Aber gegen den Keynote-Lieferer Ethan Zuckerman (Video), gegen die offenbar stellare (hö, hö) performance von Alexander Gerst (ein Astronaut! Ein echter Astronaut!! Habe ich leider nicht gesehen wg. Medien-Fachdiskussion) (die ich mir hätte sparen können) (Video) oder auch gegen Pflichtveranstaltungen wie den Vortrag von Cory Doctorow (Video), vor allem gegen den Promi-Wert solcher Veranstaltungen kommen die Themen des Dritten Tages eben nicht so an. Weshalb ich am Dritten Tag zur Abwechslung nicht von einem Termin zum anderen wetze.

Parkplatz!

Parkplatz!

Sondern auch mal Zeit zum Nachdenken (und für diesen Text) habe. Nach drei re:publicae, die ich aus den unterschiedlichsten Gründen ausgelassen habe, bin ich diesmal also auf einem Kongress für Gegenwart und Zukunft in Politik, Technik und Gesellschaft (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge) gelandet. Habe was gelernt (siehe auch die vorhergehenden Beiträge), fand die Veranstaltungen zu den Medienthemen nur bedingt hilfreich – vor allem in der Hinsicht, dass ich wenig Neues erfahren habe, was mir sagt, dass ich in Sachen Medienentwicklung doch so einigermaßen auf dem Stand der Dinge bin – und finde mich immer wieder in den Reihen vor STG-01, der größten Bühne, wieder. Bin ich doch soo mainstream?

Beim Durchlesen des bisher Geschriebenen gemerkt, dass ich Cory Doctorow’s Auftritt (auf STG-01!) gerade als „Pflichtveranstaltung“ bezeichnet habe. Ja, doch. Einerseits des Promi-Wertes (auch ich bin für sowas anfällig) wegen, andererseits aber der Botschaft halber. Der Inhalt einer Stunde schnell gesprochenen Englischs in zwei Sätzen zusammengefasst:

Wir leben mit Computern, in Computern, und demnächst auch mit Computern in uns. Und Computer sind „Turing complete„, können also jede Aufgabe ausführen, die man ihnen gibt – egal, ob der rechtmäßige Besitzer/Benutzer es weiß oder nicht.

Zwei Sätze nur. Und sie begründen den Umgang, den wir mit der Technik, in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts haben sollten: begeistert, aber kritisch. Sie begründen den Widerstand gegen backdoors ebenso wie die Verwendung von Open Source-Software, den Kampf für Transparenz ebenso wie den gegen die Vorratsdatenspeicherung. Und sobald weil der Vortrag auch im Netz steht (Video), werde ich ihn jedem ans Herz legen, der immer noch mit dem Argument vom Nichts-zu-verbergen-haben kommt.

Zygmunt Bauman on stage

Zygmunt Bauman on stage

Update: Ungefähr eine habe Stunde nach dem Absetzen dieses Textes betrat Zygmunt Bauman die STG-01. Der Soziologe und Philosoph dürfte mit seinen 89 Jahren so ungefähr der älteste Teilnehmer der re:publica sein, also auch einer, der mehr gesehen und mehr nachgedacht hat als die meisten hier. Und auch wenn der Vortrag nicht ganz einfach zu verstehen war (Video), war er doch das Highlight der re:publica. Er betrachtet die Unterschiede zwischen „network“, „community“ und „Gemeinschaft“ (auf deutsch), betrachtet unser aller Angst vor der Einsamkeit, nennt Mark Zuckerberg in diesem Zusammenhang einen „genius“, und kommt zu dem Schluss, dass wir uns alle selbst bespitzeln und so das Futter für die Überwacher liefern.

Seine Schlussfolgerung, von mir in 140 Zeichen or more zusammengefasst: Wir müssen vorsichtig sein. Wir müssen versuchen, die Kontrolle über uns, über diese Gesellschaft zu behalten, wir müssen uns selbst reflektieren. Update Ende.

Das Problem, das eine Veranstaltung wie die re:publica aber hat: Es ist ein Festival des preaching to the choir, eine Veranstaltung, in der nur die sitzen, die zumindest das Problem schon erkannt haben, wenn sie auch vielleicht noch keine Ahnung von der Lösung haben. Die re:publica ist eine kohlenstoffbasierte Filterblase. Und ich fürche, dass das auch durch Medienberichte nicht viel anders wird (durch diesen Text schon gar nicht, denn… hallo, Filterblase!).

Der Erklärbär

Der Erklärbär (Symbolbild)

Womit ich meine eigene Arbeit anspreche (siehe Symbolbild links). Wenn ich als Erklärbär in residence ins Studio gerufen werde, dann habe ich die Chance, diese Filterblase zu durchbrechen, den Menschen außerhalb der Blase (also der absoluten Mehrheit) zu erklären, was wir innerhalb der Blase zu wissen glauben. Dafür habe ich im Höchstfall 2’30 Minuten Zeit und sehe mich möglicherweise dem gleichen Problem gegenüber wie die Kolleginnen und Kollegen, die von der re:publica berichten und so ebenfalls ihre Inhalte durch die Wand der Filterblase diffundieren: Wir haben nur einen ganz kurzen Augenblick Zeit, die Aufmerksamkeit der Mehrheit einzufangen und eine Nachricht zu überbringen, die abstrakter ist als ein Erdbeben oder eine königliche Entbindung, die aber gleichzeitig unser aller Leben sehr viel umfassender betrifft.

Das Leben ist nicht einfach. Deshalb hier noch ein Katzenfoto:

re:winke-winke

re:winke-winke