Re-Boot

Boot-Vorgang - ein Boot auf dem Großen Segeberger See

Re-Boot-Vorgang (Symbolbild)

Es ist gerade mal fünf Tage her, da schrieb der Freund und Kollege Don Dahlmann sich auf Facebook seinen Frust vom Leibe. Unfassbar (für einen Journalisten jedenfalls), was er da schrieb:

Ich habe vor circa vier Wochen aufgehört Nachrichten zu schauen oder zu lesen. Und wenn ich sage “aufgehört” dann meine ich das auch so. Kein Sponline, keine Tagessschau oder sonst was. Nichts, nada, niente. […] Meine Zurückhaltung in Sachen Nachrichten hatte zum einen etwas damit zu tun, dass in meinem Leben schon genug schlechtes los war, da habe ich auswärtige Nachrichten zusätzlich nicht benötigt. Zum anderen lag es aber auch daran: Ich kann das alles nicht mehr ertragen. Und vor allem: ich kann das alles nicht mehr lesen.

Denn die Online Newsportale schreiben nicht mehr, sie schreien nur noch.  […]

Es ist ein Wettstreit um die Aufmerksamkeit des Lesers entstanden und denn offenbar wird nur geklickt, was möglichst nach viel Aufregung klingt. Also schreibt man alles möglichst so, dass es nach maximaler Aufregung klingt. Ein Fest der Superlative, der permanenten Emotion und Schnappatmung.

Vor vier Wochen habe ich festgestellt, dass ich das alles nicht mehr will. […]

Ich mag das neue Gefühl in meinem Leben, dass mich nichts anbrüllt, mir Angst oder ein schlechtes Gewissen macht. Ich mag das Gefühl der Ruhe.

""Ich

Warum ich das so ausführlich zitiere? Weil es mir, ich gebe es zu, ähnlich ging in den letzten Wochen und Monaten. Zwar habe ich weiter Nachrichten gelesen (alles andere wäre für einen Redakteur einer Nachrichtenredaktion nicht machbar). Doch die Lust, sich mit dem Gelesenen auseinanderzusetzen, ging gegen Null – aus den gleichen Gründen, aber auch, weil mich das Gelesene noch mehr deprimierte, als es das Leben mit mir ohnehin tut.

Die Folge: Ich hatte beschlossen, mein Blog K [journ.] dichtzumachen. Die Daten sind gesichert, der Hostingvertrag gekündigt, ohne große Abschiedworte wollte ich mich von der Bühne schleichen. In meinem neuen Job (selber Arbeitgeber, neue Funktion, neuer Ort) würde ich schon genug ins Netz schreiben. Und tschüss.

Der neue Präsident

Dann kam der 20. Januar 2017, der Tag, an dem Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt wurde. Und es kamen die Tage seither: bisher 10 an der Zahl, und jeder einzelne voller Katastrophen für die USA, für die Demokratie, möglicherweise für die Welt.

Nun habe ich ein enges Verhältnis zu den USA – meine Tochter ist dort zur Welt gekommen. Das, die gruseligen Geschichten in meinem Feedreader und auch die Unterhaltungen mit meinem amerikanischen Cousin Walter, haben dafür gesorgt, dass mich die Nachrichten aus dem Reiche Trumps noch mehr deprimierten und mich verstummen lassen wollten.

Dazu kommt noch, dass ich ein unheimliches Talent habe, meine ohnehin düstere Grundstimmung vollends in den Boden zu reiten, und Viktor Klemperers Lingua Tertii Imperii (Amazon-Link) wieder las. Es folgt jetzt kein Hitler-Vergleich (das kommt noch früh genug). Aber die Analogien zwischen der sprachlichen Manipulation der Deutschen durch die Nazis und der der Amerikaner in der postfaktischen (pardon!) Zeit haben mich schaudern gemacht.

Und ich bin zum Schluss gekommt: Jetzt ist ganz bestimmt nicht die Zeit zum Schweigen.

Deshalb: Re-Boot (incl. Symbolbild-Kalauer – ohne das geht es auch in Zukunft nicht). Ich habe einen neuen Hostingvertrag abgeschlossen, habe die Domain transferiert und schreibe dann eben weiter ins Netz. Das alte Blog bleibt, wo es ist (im Archiv), weshalb hier das eine oder andere noch etwas unfertig aussieht; aber die Adresse bleibt die gleiche, und für genügend Wut, Angst, Sorge zum Schreiben dürfte in den nächsten Monaten und Jahren gesorgt sein. (Und auch, was ich lese, werde ich an dieser Stelle verstärkt dokumentieren.)

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