Radio Star, killed

Kein Studio-MikrophonEs war in der dritten Stunde des österlichen Auto-Ausflugs (der ersten der Rückfahrt), als von hinten die Frage kam, auf die ich hätte vorbereitet sein müssen, auf die ich aber nicht vorbereitet war.

„Können wir ein bisschen Musik hören?“

Die Frage ist legitim, wenn man sich vor Augen hält, dass die Schorfheide zu Fuß wesentlich unterhaltsamer ist als durch das Fenster eines Autos. Und die Frage hätte auch kein Problem dargestellt, wenn wir CDs eingepackt hätten. Hatten wir aber nicht.

Also: Radio.

(Disclaimer: Ich habe die ersten 13 Jahre meines Lebens als Vollzeit-Journalist ausschließlich fürs Radio gearbeitet – überwiegend für Massenprogramme zwar, aber immer mit einem gewissen Anspruch an journalistische Sauberkeit und Präzision, Relevanz, Originalität und auch ein kleines bisschen Selbstironie.)

Rant: Himmel, Arsch und Wolkenbruch (sog. „nasse Lösung“, die „trockene Lösung“ endet auf „Zwirn“)! Das soll Radio sein? Diese Soße aus unspannender Musik, noch weniger spannenden Musik, Xavier N. und moderationsgewordenen Schleimspuren soll mich am Steuer wachhalten unterhalten? Wie rückgratarm und einfallsbefreit muss man denn im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sein, um sich beim Verlassen des Senders noch im Spiegel anschauen zu können? Und glaubt bloß nicht, dass es im vorliegenden Fall am Alter des enttäuschten Hörers liegt: die Sender im Test brachten durchaus auch Musik aus der Zeit, als ich noch störungsfrei hören konnte – nur dass auch in den 80ern und 90ern Mistmusik produziert werden durfte und konnte. Offensichtlich hat ausgerechnet diese Mistmusik bei den Geschmackstests meiner örtlichen Mit-Hörer überlebt.

Ja, ich gebe zu: Ich habe mich über drei Berliner Privatsender aufgeregt. Öffentlich-rechtliche Sender haben sich im konkreten Empfangsgebiet weitgehend vor dem Test gedrückt; wahrscheinlich zählen die Wildschweine in der Schorfheide nicht zum Kernpublikum, und die Versorgung beschränkt sich auf Ansiedlungen von der Kreisstadt aufwärts.

OK, wieder abgeregt. So langweilig, dass ich mich am Steuer mit einer Inhaltsanalyse des Gebotenen beschäftigt hätte, sind weder Schorfheide noch der österliche Ausflugsverkehr. Aber eins ist klar: Musiksoße, inhaltsfreie, ungefragt vertrauliche Ansagen, Wetterhinweise und Zweiminuten-Nachrichten bieten mir keinerlei Einschaltreize, was mich als Horchvieh für die Werbeindustrie uninteressant macht (einfach, weil ich nicht mehr zuhöre). Wenn es auch anderen so geht wie mir, und wenn wir, was ich glaube und hoffe, immer mehr werden, denen die immergleiche Musik, die immergleichen Jingles und Sprüche und die immergleichen Gewinnspiele auf die Nerven gehen, dann wird tatsächlich eintreten, was technologie-affine Menschen schon länger behaupten:

Dann werden wir (diejenigen, die immer mehr werden – siehe letzter Absatz!) zunehmend unser eigener Programmsouverän werden. Wir machen uns mit längst vorhandener oder noch kommender Technik völlig unabhängig von einem linearen Strom von Musik, die uns nicht (mehr) gefällt, und Information, die uns nicht ausreicht; wir werden uns zeitsouverän unsere Inhalte zusammenstellen und mit selbst ausgewählter Musik kombinieren, und dann werden wir kein Autoradio mehr brauchen, sondern unsere Daten-Sende- und Empfangsgeräte, ob in Telefon- oder Tablet-Form, an die Lautsprecher im Auto anschließen, und dann können die dann noch verbliebenen Radiosender mal eben dichtmachen. Selbstmord durch Programmgestaltung. Die Konzepte aus der vor-vernetzten Zeit greifen nicht mehr.

Ich arbeite für das Fernsehen eines öffentlich-rechtlichen Senders, und ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass dem Fernsehen ein ähnliches Schicksal drohen kann, wenn auch wahrscheinlich unter anderen Umständen. Und weil ich das weiß, bin ich froh darüber, dass das Management meines Arbeitgebers das Problem erkannt hat und sich und uns alle auf die Herausforderungen einer nicht-linearen elektronischen Medienlandschaft einstellen will.