Qual der Wahl

Ahoi und so.
Ahoi und so.

An dieser Stelle habe ich in der Vergangenheit (nachgucken lohnt nicht, seit ich im Frühjahr 2012 frisch angefangen habe) wiederholt mehr oder weniger klare Wahlempfehlungen ausgesprochen. Im Wahljahr 2013 wurden diese durch Dokumente großer Ratlosigkeit ersetzt (z.B. hier, hier, hier und hier.)

Unterdessen behaupte ich im privaten Kreis im Brustton der Überzeugung, meine Wahlentscheidung (Erststimme: grün; Zweitstimme: Piraten) inzwischen getroffen zu haben, und versuche sogar, andere von „meiner“ Wahlentscheidung zu überzeugen.

Alles Lüge (R. Reiser)!

Die im ersten Absatz erwähnte Ratlosigkeit dauert immer noch an, keine 24 Stunden vor meinem Gang zum Wahllokal (muss vormittags wählen, weil ich als freiwilliger Helfer die Briefwahlstimmen anderer ab 13:00 prüfen und ab 18:00 zählen werde – dazu mehr, wenn es vorbei ist). Also werde ich wohl mehrere unterschiedliche Verfahren anwenden müssen, um morgen auch wirklich zwei Kreuzchen malen zu können.

Was der Wahl-O-Mat sagt, ist schnell gesagt: Übereinstimmung mit den Grünen zu mehr als 80%, mit den Piraten knapp darunter, mit der SPD irgendwo in den 70ern (was, wenn ich es jetzt nochmal lese, in mehr als einer Hinsicht so falsch wirkt, dass es nur richtig sein kann).

Nach dem Ausschlussverfahren kann ich zumindest sagen, wer mit meiner Stimme nicht rechnen kann. Die Liste ist für jeden, der mich und meine Vorliebe für Bürger- und Freiheitsrechte einigermaßen kennt, wenig überraschend und umfasst neben rechten und Splittergruppen von NPD über AfD bis BüSo (und zurück) auch die derzeitige Kanzlerpartei, die sich zusammen mit ihrer Schwesterpartei in den letzten Monaten mit allem möglichen, aber nicht mit Ruhm bekleckert hat (gell, Herr Pofalla, gell, Herr Friedrich?). Auch wenn ich in meinem Leben schon einmal CDU gewählt habe (OK, es war eine Kommunalwahl, und der Bürgermeister machte seinen Job wirklich gut) – derzeit ist für mich die CDU ebenso unwählbar wie AfD, MLPD und BIG. Unwählbar ist auch die FDP – wegen erwiesener Unfähigkeit ihres Personals und erwiesener Inkompatibilität ihres neoliberalen Programms mit meinen Überzeugungen.

Bleiben also nicht mehr viel übrig: SPD, Linke, Grüne, Piraten (auch wenn letztere, wie es aussieht, durch eigene Blödheit den Status einer Splitterpartei nur vorübergehend verlassen konnten). Die Linke muss ich leider ebenfalls ausschließen. Zwar ist die SED-Vergangenheit bald ein Vierteljahrhundert her, aber das Langzeitselbstverständnis einiger Vertreter dieser Partei ist doch erstaunlich ausgeprägt.

Taktisches Wählen: Ja, so kann man es auch machen. Aber das schließt die (reichlich theoretische) Option ein, AfD zu wählen, um die Spinner über fünf Prozent zu hieven und so Schwarz-Geld unmöglich zu machen. Eigentlich ist mir meine Stimme für solche Spiele zu schade.

Biotopisches Wählen: Nein, diesen Ausdruck gab es bisher nicht, den habe ich gerade erfunden. Er hat damit zu tun, dass ich in diesem Jahr erstmals im konservativen Bezirk Steglitz-Zehlendorf wähle, in dem beim letzten Mal der Direktkandidat der CDU klar vor denen von SPD, Grünen, FDP und Linken (in dieser Reihenfolge) lag; bei den Zweitstimmen sah die Reihenfolge ähnlich aus, der Vorsprung der CDU war jedoch längst nicht so ausgeprägt. In einem derartigen Biotop Wahlkreis ist nicht damit zu rechnen, mit der eigenen oppositionellen Stimme den Umsturz Umschwung auszulösen.

Erststimmen kann man verschenken, indem man sie aussichtslosen Kandidaten gibt; man kann sie aber auch, nun ja: weniger aussichtslosen Kandidaten geben – weshalb meine Erststimme diesmal voraussichtlich an die Kandidatin der SPD, Ute Finckh-Krämer gehen wird – zumal sie mir von vertrauensvoller Seite als eine der Guten ans Herz gelegt wurde.

Und die Zweitstimme, die trotz ihres Namens wichtigere Stimme? Da sagt mir mein schwarz dominiertes Biotop, dass beim letzten Mal rot und grün nahezu gleichauf lagen, nur wenig dahinter die FDP (!) – wahrscheinlich leben viele Zahnärzte und Hoteliers in meiner Gegend. Die Zweitstimme zählt aber nicht auf Bezirksebene, sondern landes- und letztlich bundesweit, also auf der Ebene der Merkels, Steinbrücks, Trittins etc.

Und, verdammte Hacke, ich weiß immer noch nicht, wo ich morgen mein Kreuzchen machen werde. Damit hätten Sie jetzt nicht gerechnet, wa?

3 Gedanken zu „Qual der Wahl“

  1. Auch das Problem ist mir nicht fremd lieber Konstantin Klein!

    Habe zur Erforschung meines Wahlverhaltens sämtliche Orakel befragt, inklusive Wahl-O(h)-Mat. Könnte von jedem Kandidaten der zur Wahl angetretenen Parteien einen Steckbrief zeichnen, nur an die zahllosen Versprechungen & Programme kann, bzw. will ich mich nicht erinnern, weil ich ihnen nicht so recht traue.

    Da mich aber die zahllosen Aufforderungen, in jedem Fall zur Wahl zu gehen (sogar vie Twitter), eingeschüchtert haben, gehe ich nun auch zur Wahl und zwar als Helfer, als Wahlhelfer. Ich bin also dabei und auch gespannt.

    Übrigens, was soll ich nun wählen?

    Ratlos,

    Klaus D. Doll

  2. Ich weiß seit ca. einer Woche genau, welche Partei ich wählen werde. Dabei war ich bisher auch gelegentlicher sogenannter ‚Nichtwähler‘, jedenfalls aber nicht immer derselben Partei zugeneigt.

    Ich habe aber u.a. erkannt, dass auch meine Stimmabgabe durchaus ein winziges Scherflein dazu beitragen kann, dass die FDP möglicherweise nicht über 5 Prozent kommt, und das sollte doch eines der ganz großen allgemeinen Wahlziele 2013 sein.

    Also habe ich mehrmals den Wahl-O-Mat (und für mein Bundesland Hessen gab es einen ähnlichen Wahlsimulator) frequentiert, dabei immer wieder mit Gewichtungen und Themen-Überspringen changierend, und festgestellt, dass die Tendenz der Parteien-Rangfolge immer dieselbe blieb, und zwar ziemlich klar. Eine Partei nahm immer mit für mich hinreichender Deutlichkeit die Spitze ein, und diese Partei werde ich morgen in beiden Wahlen wählen, nebst jeweiliger Kandidaten.

    Ich nenne dieses Wahlverhalten jetzt auch einmal taktisch, denn ich lasse dabei durchaus gewisse persönliche Präferenzen, Neigungen und Einstellungen außer Acht.

    Ich würde sogar sagen, dass meine diesjährige Wahlentscheidung die bewussteste ist, die ich seit Startbahn-18-West-Tagen (um 1980) getroffen habe.

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