Privat ist nicht mehr selbstverständlich

George Orwell
George Orwell (Photo: Wikimedia)

Es lässt sich nicht knapper und treffender formulieren, als es The Atlantic schon in der Titelzeile dieses Artikels tat:

All the Infrastructure a Tyrant Would Need, Courtesy of Bush and Obama

Infrastruktur so recht nach dem Geschmack eines Tyrannen also, bereitgestellt von Bush und Obama. Gemeint ist nicht (nur) PRISM, das Programm, das es US-amerikanischen Sicherheitsbehörden ermöglicht, für sie interessante Daten direkt auf den Servern so ziemlich aller großen Diensteanbieter der USA, von Google über Facebook bis, nun ja, AOL mitzulesen, wie der Guardian und die Washington Post berichtet haben; gemeint sind alle Vorgänge, Initiativen und Anweisungen, mit denen die Regierung Bush II., aber auch die Regierung Obama aus dem etwas schrulligen, aber doch einigermaßen funktionierenden Rechtsstaat USA einen Überwachungs- und Polizeistaat zu machen versucht haben – nicht ohne Erfolg.

Und hier teilen sich meine Gedankengänge in zwei Äste – mal sehen, ob ich sie bis zum Ende des Textes wieder zusammenbekomme.

Der eine Gedankenast erinnert sich in diesem Zusammenhang an eine Geschichte aus der Huffington Post vom letzten September: „Psychopathic Personality Traits Linked With U.S. Presidential Success, Psychologists Suggest“ hieß es da; es ging also um die These von Psychologen, dass es durchaus hilfreich ist, Züge eines psychopathischen Wesens zu zeigen, wenn man als US-Präsident Erfolg haben will:

„Certain psychopathic traits may be like a double-edged sword,“ the study’s lead author Dr. Scott Lilienfeld, a psychologist at Emory, said in a written statement. „Fearless dominance, for example, may contribute to reckless criminality and violence, or to skillful leadership in the face of a crisis.“

Die in dem Artikel zitierte Studie beschäftigt sich nicht mit Barack Obama, wohl aber mit allen seiner Vorgänger (in der Kategorie „fearless dominance“ ganz vorne: Theodore Roosevelt, gefolgt von John F. Kennedy und Franklin D. Roosevelt). Und es ist nicht wirklich überraschend, dass neben der zititerten Furchtlosigkeit auch ein gehöriges Maß an Selbstsucht, Machtbewusstsein und Rücksichtslosigkeit dazugehört, sich ganz nach oben durchzubeißen und sich dann dort zu halten.

Das gilt übrigens keinesfalls nur für amerikanische Spitzenpolitiker.

Und damit komme ich schon – viel schneller als geplant – zum zweiten meiner Gedankenäste: Aus welchem Grund auch immer Politiker Macht besitzen und zu welchem Zweck auch immer sie sie nutzen wollen: Wenn sie die Chance sehen, Macht zu sammeln und damit Kontrolle auszuüben, werden sie das tun – egal, ob sie ein US-amerikanischer Präsident oder ein europäischer Sicherheits- und Innenminister sind.

Auf die Berichte von Guardian und WashPost über die bereitwillige Kooperation von Google, Microsoft & Co. mit der NSA kamen – aber das ging dann schon ein wenig unter im Nachrichtengetöse – durchaus empört wirkende Dementis der sechs größten der erwähnten Firmen (Larry Page für Google: „What the…?„): Unter keinen Umständen hätten Behörden direkten Zugriff auf ihre Server. Müssen sie auch nicht; im Krieg gegen den Terror™, ausgerufen von Bush II. und seinen Beratern und seitdem von niemandem mehr ernsthaft in Frage gestellt, auch nicht von dem in Europa gerne als „Guter“ empfundenen Machtpolitiker Barack Obama, gibt es genug andere Möglichkeiten, an gespeicherte Daten heranzukommen – Möglichkeiten, die einen europäischen oder gar deutschen Innenminister nur grün vor Neid werden lassen.

Und was sollen Google, Facebook, Microsoft & Co. schon auch sagen? Ihr Geschäftsmodell basiert auf dem mehr oder weniger gerechtfertigten Vertrauen der Kundschaft darauf, dass mit ihren Daten kein Schindluder (schönes Wort, immer wieder gerne genommen!) getrieben wird. Ein Bericht wie der über PRISM kann ganze Industrien schmerzhaft schädigen.

Angesichts solcher Berichte, aber auch angesichts der dagegen schon fast harmlos wirkenden Versuche europäischer Politiker, Internetsperren und Vorratsdatenspeicherungen durchzusetzen, kann eigentlich kein Netznutzer mehr sagen, er habe nicht gewusst, dass seine Daten vor Datensammlern, Datenmitlesern und Datenauswertern nicht sicher seien.

Die erzkonsequente Alternative, sich aus dem Netz zurückzuziehen, ist natürlich keine: Wir leben im 21. Jahrhundert, und wir leben im Netz – selbst diejenigen, die es nie geschafft haben, ihren PC an ein Modem anzuschließen, und ihr zehn Jahre altes Nokia nur zum Telefonieren benutzen. So funktioniert die Informationsgesellschaft nun einmal, nicht anders; Demoskopen und Statistiker haben uns erfasst, und sie müssen das auch, um in einer postindustriellen Gesellschaft die Dienstleistungen zu ermöglichen, die wir alle erwarten – vom Klassensprecher des deutschen Internet bis hin zu Oma Kasulke in Lichterfelde-West.

Wir sind also gläserne Bürger, und solange wir davon profitieren, sind wir es sogar gerne. Was ich aber nicht verstehe: So einfach, wie diese Erkenntnis nun mal ist, so wenig scheint sie uns zu scheren. Ich predige seit mehr als zehn Jahren die Vorzüge von verschlüsselter Mail-Kommunikation – und es interessiert buchstäblich keine Sau. Und ich habe langsam die Schnauze voll davon, Menschen wieder und wieder erklären zu müssen, dass zwischen einigermaßen sorgfältig ausgewählten und formulierten Facebook-Statüssern (oder was ist nochmal der Plural von Status?) oder Tweets und den privaten Fotos vom Nacktbadestrand noch ein kleiner Unterschied in der Selbstoffenbarung liegt. Dass man sensible Daten nicht in den Silos von Anbietern wie Dropbox oder Google hinterlegt (oder zumindest nicht unverschlüsselt), ist immer noch nicht selbstverständlich; dass auch deutsche Anbieter nicht sicher vor Zugriffen aus interessierter Ecke sind, auch nicht.

Es ist an der Zeit, uns einzugestehen, dass wir in einer postprivaten Gesellschaft leben. Wissen, das unsere Eltern noch für sich behielten oder einigermaßen sicher auf Karteikarten von Arztpraxen, Versicherungsgesellschaften oder Meldeämtern wussten, ist heute nahezu öffentlich – und wird durch unseren Spieltrieb, ausgenutzt von Facebook, flickr, Pinterest etc. pp. von uns selbst freiwillig in nicht gekanntem Ausmaß ergänzt. Wir profitieren auch davon – durch soziale Beziehungen, die es früher nicht gegeben hätte, wie durch Dienstleistungen, die früher nicht möglich gewesen wären.

Aber die Folge ist klar: Der Mensch des 21. Jahrhunderts ist keine Privatperson mehr. Er ist öffentlich. Es liegt an uns, damit fertigzuwerden.

8 Gedanken zu „Privat ist nicht mehr selbstverständlich“

  1. „..und ihr zehn Jahre altes Nokia nur zum Telefonieren benutzen..“
    Etwas zuviel Häme in diesem kurzen Satz.

    – Angesichts der Tatsache, daß die ‚modernen‘ Mobiltelefone jedweder Ausspähung leichter zugänglich sind und dann mehr über die Nutzer sagen als denen lieb sein kann, halte ich es für eine gute Wahl nicht immer das angesagteste Telefon zu haben. Dies ‚alte‘ Nokia kann außerdem mal runterfallen kann ohne sich in Einzelteile zu zerlegen.

    • Häme ist mir – erstaunlicherweise – ziemlich fremd. Ich stelle umgekehrt immer wieder erstaunt fest, wie wenig ich ein Gerät, dass immerhin noch als „-phone“ bezeichnet wird, tatsächlich zum Telefonieren verwende.

      Außer in den letzten acht Tagen. Dank Sommererkältung hat sich meine Stimme total verabschiedet (kommt gerade ganz vorsichtig wieder), und ich war schon sehr froh, dass die zehnjährigen Nokias in meiner Umgebung (eines davon in der nächsten Umgebung) auch textfähig sind, andernfalls ich reichlich incomunidaco geblieben wäre.

      • Ein Behelf wäre das Zeichen „ū“ → U+016b (363), wobei der Querstrich die Doppelung des Lautes darstellt, etwa wie in Analogie bei „Papa Noël“ das „ë“ andeutet, daß der Buchstabe getrennt gesprochen wird und nicht o und e zusammengezogen als „ö“ gesprochen werden.

        Aber das sind Spitzfindigkeiten (auch immer gern genommenes Wort) für Sprachpuristen – und die gehen heutzutage im sprachlichen Kauderwelsch (ebenfalls immer gern genommenes Wort) unter.

        *

        Prinzipiell stimme ich ihrer Zusammenfassung zu. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit bis wir alle gläsern sind – die Novitätenfreaks sind zuerst dran, konservative Datenveröffentlicher werden aber auch nicht ‚davonkommen‘.

  2. Hallo,
    Den 3ten Absatz von unten unterschreibe ich sofort, denn es geht mir ähnlich so.Wobei ich mittlerweile trauriger weise immer öfter zu hören bekomme das ich eben damals recht hatte und sich das alles was ich „Prophetisch“ Vorhergesagt (als hätte ich dazu meine Geheime Glaskugel befragt) bewahrheitet.
    Von daher finde ich das jetzt alles sehr lustig, ganz besonders die Entrüstung derer die Leute wie mich immer als Spinner und Paranoiker oder schlimmer noch als die Großen Verschwörer beschimpft haben. Von daher habe ich jetzt nur Spot und Häme für die Ignoranten übrig. Das hilft zwar keinem Macht aber nichts!
    Ich möchte mal daran erinnern:
    ehemalige Seite: http://217.172.182.26/old-cms/
    https://de.wikipedia.org/wiki/Stop1984
    Ihr könnt ganz getrost davon ausgehen das sämtlicher Elektronische Kommunikation welche nicht Verschlüsselt ist, in unserer Westlichen Welt aufgezeichnet und Ausgewertet wird. Von daher ist das alles ein Alter Hut. Und Firmen die Verschlüsselte dienst anbieten sind nur bedingt Vertrauenswürdig anzusehen, da sie sich immer Bestimmten (ich nenne das jetzt mal Gruppen) beugen müssen damit sie existieren können.
    In diesem sinne ein schönes Wochenende und Ich habe ja nichts zu verbergen……. weitermachen. 🙂

    PS: Mir als semi Techniker ist richtiges Deutsch lieber! 🙂 Und ich hasse es immer wieder wenn man die mehr zahl von Hobby lesen muss. Die engli. version ist Hobbies, das ist so richtig sche***

    • Als ich mich das erste Mal mit handelsüblicher bzw. Open-Source-Verschlüsselung (PGP bzw. GnuPG) beschäftigte, galt allgemein noch als sicher, was mit einem 1024bit-Schlüssel verschlüsselt worden war. Selbst die Großrechner der NSA hatten damals nach allgemeiner Ansicht mehrere Tage damit zu tun, einen Schlüssel zu knacken.

      Das ist jetzt über zehn Jahre her. Wenn wir uns mal angucken, um welchen Faktor die Rechenleistung unserer heimischen Rechenknechte inzwischen gestiegen ist, können wir – fürchte ich – auch annehmen, dass die NSA (oder jemand mit einem Bitcoin-Miner??) nur noch kurze Zeit braucht, unsere Dateien wieder zu entschlüsseln, selbst wenn wir inzwischen 4096bit-Schlüssel verwenden würden…

      Ich sag’s ja: Privat war mal.

      • Hallo,
        Naja, hier ist leider auch immer wieder viel Propaganda mit im Spiel. Deshalb gibt es ja auch mittlerweile fast überall Gesetze die einem zur Herausgabe der entsprechenden (ich sag mal) Passwörter zwingen soll unter Androhung von Mehrjährigen Freiheitsstrafen, weil man das nicht zeit nah entschlüsseln kann.
        Zumal die Freien Verschlüsselungswerkzeuge ja auch weiter entwickelt werden, und bei Kompromittierung selbiger es schnell bekannt wird, und damit die Verwendung Obsolete. Bei Unfreien Werkzeugen wird man das eher nicht erfahren. Hier gibt es eine ältere Diskussion zum Thema PGP: http://debianforum.de/forum/viewtopic.php?f=28&t=18309 oder hier:
        http://www.gpg4win.de/handbuecher/durchblicker_23.html.
        Ich bin leider kein Mathematiker um es selbst mal auszurechnen wie realistisch so was ist.
        Aber die Seiten vom BSI haben auch sehr viel Interessantes zu bieten. Sicherheit ist ein äußerst komplexes Thema, wobei man immer davon ausgehen sollte was der Mensch erdacht hat zum verschlüsseln wird der Mensch auch irgendwann wieder entschlüsseln können.
        Diese ganze Abhörsituation wäre vielleicht nicht in diesem Ausmaße denkbar wenn die Mehrheit der Rechner Benutzer vielleicht die Grundsätzlichen Dinge machen würde wie zum Beispiel: OS bei der Installation verschlüsseln (Stichwort: Diebstahlsicherung) Vertrauliche Dokumente mit encfs verschlüsseln und E-Mail mit Gnupg, und dabei natürlich auch sichere Passwörter verwenden.
        Damit würde der Aufwand erheblich steigen, ob das dann noch finanzierbar wäre weiß ich nicht. Die meisten Leute sind aber zu faul sich zu informieren, und so werden sie auf den Unfug zum Beispiel der DE MAIL reinfallen und glauben das dies sicher wäre. Da man ja auch immer wieder liest wie unsicher alles andere sei. Die frage ist nur wo sind die Beweise dafür das man das wirklich knacken kann?
        Denn die meisten erfolgreichen Angriffe auf vermeintlich sichere Daten erfolgt nicht durch das aufbrechen von Verschlüsselungen, sondern über andere Wege wie Sozial Engenieering ( http://de.wikipedia.org/wiki/Social_Engineering_%28Sicherheit%29 ), oder eben über das ausnutzen von Schwachstellen in fehlerhafter Software.
        Somit sind wir selber daran schuld wenn wir unsere Privatsphäre so einfach preisgeben, den Privatsphäre ist auch heute noch erreichbar ohne dabei auf die Modernen Kommunikations Möglichkeiten zu verzichten.
        Aber stattdessen legen die meisten Leute viel Geld auf den Tisch um sich eine Abhörwanze zu zu legen (Softphone), ach was reicht jetzt.
        Schau hier mal rein http://anondat.com/ oder informiert euch im Weltnetz.
        viele Grüße

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