K[journ]

Konstantin Klein

Irgendwie doch ein Blog. Oder so.

4 Minuten

“Wild!" hatte - mehrfach mit Kugelschreiber nachgezogen - auf dem Zettel an der Tür im Bonner Tierheim gestanden, hinter der ich Toto kennenlernte. Das war im Juni, mehr als anderthalb Jahre nachdem ich von meinem kleinen schwarzen Freund Marlon Abschied hatte nehmen müssen. Es war wieder Zeit geworden, mit einer Katze zusammenzuleben, wegen coronabedingtem Home Office, und überhaupt. Ein Leben ohne Katze ist möglich, aber…

Der Kater, vor dem auf dem Türschild so eindringlich gewarnt wurde, machte überhaupt keinen wilden, sondern einen vor allem scheuen Eindruck. Er wollte nicht angeguckt werden, wer ihm zu nahe kam, konnte mit einem Anschiss kräftigen Fauchen rechnen, und Anfassen wurde mit beeindruckenden Prankenhieben beantwortet.

“Wild” bezog sich vielmehr auf das Vorleben des löwenfarbigen Katers. Er hatte bei unbekannter Vergangenheit in den letzten Jahren eine Futterstelle für Streuner auf dem Bonner Venusberg besucht, und als diese Stelle aufgelöst werden musste, hatten ihn die Leute vom Tierheim zusammen mit anderen Katzen eingesammelt, untersucht, medizinisch versorgt. Toto ist FIV-positiv, die Krankheit ist aber nicht ausgebrochen. Trotzdem wird er nie mehr das Leben eines ungebundenen Freigängers führen dürfen; er darf nicht mit anderen Katzen zusammenkommen, weil er sie anstecken könnte (für Menschen ist FIV harmlos). Einen Chip hatte der Kater nicht, war also keinem Vorbesitzer zuzuordnen.

Zwei Monate war Toto im Tierheim, als wir uns kennenlernten. Eine Woche später bezog er seine neue Wohnung - und war erst einmal gründlich verschwunden. Die ersten Tage verbrachte er, fauchend und eng an den Boden gepresst, im Badezimmer - und das ist heute noch sein bevorzugter Aufenthaltsort tagsüber, so (menschen-) scheu ist Toto. Immerhin darf man, auf dem geschlossenen Toilettendeckel sitzen, mit ihm spielen oder ihn mit einem Rückenkratzer streicheln; die Hand ist aber immer noch ebenso tabu wie eine extra angeschaffte Badebürste: beide werden mit Fauchen und nachhaltigen Schlägen abgewehrt.

Viele kleine Schritte

Zweieinhalb Monate lebt Toto inzwischen bei mir, und er macht kleine, aber deutliche Fortschritte. Anfangs wohnte er im Bad und kam nur zum Fressen - zwei Kater lang, halber Kater hoch, die klassische Gangart einer ängstlichen Katze - heraus. Später kam er heraus, wenn ich nicht da oder im Bett war, kurz darauf fing er an, nachts wilde Partys zu feiern, und ich durfte morgens die Katzenspielsachen unter Bett, Fernseher oder zwischen den Mülleimern in der Küche wieder hervorholen. Und der große Schweiger spricht inzwischen auch mit mir - sehr einsilbig, aber immerhin. Verglichen mit dem Gesprächswunder Marlon ist er aber immer noch sehr verschlossen.

Seit ein paar Tagen bewegt Toto sich durch die Wohnung, ob ich nun da bin oder nicht, und auch den Balkon entdeckt er langsam. Während ich diese Zeilen schreibe, geht er gelassen an mir vorbei zum Abendessen; ein kurzer Seitenblick ist mir immerhin vergönnt. Ein Schmusekater ist Toto aber nicht und wird es vielleicht auch nicht mehr; dafür ist er mit seinem löwenfarbenen Fell ein würdiger Mitbewohner, mit dem ich gerne die Wohnung (und - nun ja - das Bad!) teile.

“Toto” - den Namen hatte er im Tierheim bekommen, und ich bin dabei geblieben, weil ich an den Film dachte, in dem ein alter Mann mit seiner Katze von New York nach Las Vegas reiste. Dass die Filmkatze “Tonto” hieß, fiel mir erst auf, als ich den Kater schon als “Toto” registriert hatte. Seinem entschlossenen Auftreten, wenn ihm was nicht passt, und seiner Fellfarbe verdankt er den vollen Namen “Toto Löwenherz”, und wenn er mal wieder deutlich auf Distanz besteht, nenne ich ihn auch “Dr. Fauchi” - zu Ehren des amerikanischen Virologen. Als anständiger Kater hört Toto natürlich auf keinen Namen, mit dem ich ihn rufe.

Welcome, Toto, to my world!

Kommentare

Peter van I. begrüßte die neue Wohngemeinschaft so:

Wonderful news! I’m very happy for both of you.

… und verlinkte zur Feier des Tages ein Musikvideo von Toto. Der Band, nicht dem Kater.

I think this sums up this momentous event nicely:. You’ll just have to replace ‘girl’ with cat’

Und Georg K. aus H. schrieb:

Willkommen Toto, wie schön für Euch beide. Ich vermisse meine temporäre Gastkatze die mich im Frühjahr zuverlässig jeden Tag und nun schon seit Wochen gar nicht mehr besucht.

Oh je.

Ihre Meinung dazu?

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