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Wer den Wal hat

Für Kenner habe ich da ein absolut zuverlässiges Rezept, sich einen an sich ganz passablen Wahlsonntag gründlich zu versauen: Zum Frühstück mit Cappucino und Oatmeal (Porridge ist was für Hipster!) die Wochenendzeitung auffem iPad lesen. Dann die üblichen Nachrichtenseiten auf dem gleichen iPad abklappern, dazu die persönliche Feedliste. Und überall: AfD, AfD, AfD.

Als ob wir nicht schon genug Probleme hätten.

Als Bewohner eines eher westlichen Bundeslandes bleibt mir zu allem Überfluss an diesem Wahlsonntag nur übrig, bang nach Osten zu gucken, was die lieben Landsleute da so treiben. Wobei ich mir zumindest meiner engeren brandenburgischen Verwandtschaft einigermaßen sicher bin. Aber das sind nun mal nicht so viele.

Eben: ein versauter Sonntag. Kann man auch gleich das Bad putzen gehen.

Anderthalb Stunden später…

Ein Blick aus dem Fenster: Der Himmel über Bonn zeigt wieder blau, nachdem der Tag eher grau (s.o.) war. Ein Blick in den Fernseher: Auch hier ist blau zu sehen, aber nicht so viel wie erwartet, und das ist gut so™ (Sergej N. Wowereit, ca. 1783).

Und ich entschuldige mich für die graue Stimmung und das bange Misstrauen Richtung östliche Mitbürger. Denn: Einen solchen Zuwachs bei der Wahlbeteiligung (+11% in B’burg, fast +16% in Sachsen) kann man nur feiern, selbst wenn der Zuwachs auch ein Ergebnis einer AfD-verhindern-Stimmung ist die zusätzlichen Wählern erstaunlich stark der AfD zugute kommen. Denn was mich als überzeugten Demokraten in den letzten Jahren immer noch mehr entsetzt hat als alles andere, war das stetig demonstrierte Desinteresse der potentiellen, dann aber doch Nicht-Wähler. Vielleicht hat sich das, wie Jörg Schönenborn behauptet, tatsächlich inzwischen umgedreht. Und ganz sicher ist es besser, zu wissen, was bisherige Nichtwähler so denken, als weiter unwissend zu sein.

Und natürlich begrüße ich auf das Allerschärfste™, dass die AfD… ja, OK, dazugewonnen hat sie, aber auch in Sachsen nur so viel, dass nur ein ganz charakterschwacher möglicher Koalitionspartner (nö, wird nicht passieren. Wird nicht passieren! Wird nicht passieren!!) ihnen zur Teilhabe an der Verantwortung verhelfen könnte. Denn Verantwortung ist nicht die Stärke der AfD.

Das Einhalten von Regeln übrigens auch nicht, weshalb es - von hier aus gesehen - im sächsischen Landtag unbesetzte Plätze geben wird, wenn nicht noch ein oberstes Gericht anders entscheidet.

(Und dann immer die Angst bei den Schalten in die AfD-Versammlungen, dass ich da jemand sehen könnte, den ich kenne…)

Während ich das tippe, sagt Alexander Gauland irgendwas von der Arbeit, die jetzt erst anfange. Nun: Blöd ist der Mann nicht. Die Arbeit fängt jetzt erst an - auf allen Seiten!

Was lehrt uns (= mich) das jetzt?

Vor allem eins, und das gilt absolut nicht nur für Wahlabende, Politik oder andere “große” Themen: Nicht immer gleich von allem verrückt machen lassen, sondern mit Gelassenheit und Ruhepuls gucken, was jetzt zu tun ist. Das gilt für den Populismus ebenso wie für den Klimawandel.

Gott, was bin ich heute wieder staatstragend! Und das ist gut so™ (Heinrich Jasomirgott Wowereit, ca. 1429).

Konstantin Klein / Konstantin