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Wer aus der Geschichte nichts lernt...

…ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Diesen (leicht abgewandelten) Satz von George Santayana lassen wir hier einfach stehen und wenden uns einem Zitat des amerikanischen Journalisten und langjährigen Deutschland-Korrespondenten William L. Shirer zu, der über die SPD schrieb:

Fourteen years of sharing political power in the Republic, of making all the compromises that were necessary to maintain coalition governments, had sapped th strength and the zeal of the Social Democrats until their party had become little more than an opportunist pressure organization […] Now […] they were a tired, defeatist party, dominated by old, wellmeaning but mostly mediocre men. Loyal to the Republic they were to the last, but in the end too confused, too timid to take the great risks which alone could have preserved it […]

“Vierzehn Jahre, in denen sie die politische Macht in der Republik geteilt hatten, in denen sie alle Kompromisse eingegangen waren, die es brauchte, um Regierungskoalitionen aufrechtzuerhalten, hatten die Kraft und den Eifer der Sozialdemokraten geschwächt, bis ihre Partei nicht mehr viel mehr als eine opportunistische Interessensvertretung war… Jetzt … waren sie eine müde, hoffnungslose Partei, angeführt von alten, gutwilligen, aber überwiegend mittelmäßigen Männern. Der Republik waren sie treugeblieben bis zuletzt, aber schließlich zu verwirrt, zu ängstlich, um die großen Risiken einzugehen, die allein sie gerettet hätten…” (Übersetzung von mir)

Wer sich an den “14 Jahren” gestoßen (schließlich ist die SPD zur Zeit erst im fünften Jahr der aktuellen Großen Koalition) oder an den “alten Männern”, oder wer schon weiter oben auf den Link zu William Shirer geklickt hat, weiß schon, dass Shirer, gestorben 1993, mit seinem düsteren Text nicht die SPD des 21. Jahrhunderts gemeint haben kann, sondern über die SPD in der Weimarer Republik geschrieben hatte. Das Zitat stammt aus “The Rise and Fall of the Third Reich”, erschienen 1961; Shirer hatte Aufstieg und Fall des Nazireichs als Berlin-Korrespondent aus nächster Nähe erlebt.

Weiter im Text

Wer sich mit der Sozialdemokratie der zwanziger und dreißiger Jahre beschäftigt (und das hat natürlich auch Shirer getan), weiß, dass die SPD der Weimarer Republik sich mit den anderen linken und demokratischen Kräften nicht gegen die erstarkende Rechte verbünden wollte oder konnte (die KPD spielte da auch eine ungute Rolle) - solange, bis es zu spät war. Die 94 Stimmen, die die SPD am 22. März 1933 im Reichstag noch gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz aufbrachte, mögen der Partei noch etwas Ehrbarkeit verschafft haben - genützt hat es ihr, ganz Deutschland und der Welt nicht mehr.

Und was hat das mit uns, dem 21. Jahrhundert und der SPD von heute zu tun? Nix, versteht sich, gar nix - außer, dass auch die moderne SPD in Koalitionsregierungen dazu neigt, ihr Profil mit Kompromissen abzuschleifen. Außer, dass die SPD auch 2018 einen müden, ängstlichen, manchmal auch verwirrten, insgesamt aber hoffnungslosen Eindruck macht. Außer, dass auch im Jahr 2018 andere Parteien von links und rechts (und ganz rechts) Nationalismus und Fremdenhass wieder salonfähig machen. Außer, dass wir auch und gerade im Jahr 2018 eine starke Kraft gegen diese miesen Tendenzen brauchen.