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Wenn ich einmal reich...

Um es von vorneherein klarzustellen: Das mit dem Reichtum wird nix mehr in meinem Leben, bedingt durch eine nicht nach finanziellen Gesichtspunkten getroffene Berufswahl, eine generelle Minderbegabung meinerseits auf diesem Gebiet und einige Entscheidungen der letzten Jahre, die ich besser gar nicht oder zumindest anders getroffen hätte.

Oder anders ausgedrückt: Es folgt ein vollkommen hypothetischer Text.

Ich habe da nämlich eine vollkommen hypothetische Idee, wie man der Regierung eines einzelnen orangefarbenen Mannes von jetzt auf gleich die Grundlage unter den Boden wegziehen könnte - nahezu ohne Quatsch, jetzt!

Es ist ja nicht so, dass Donald J. Trump, nach wie vor Präsident der Vereinigten Staaten, keine politischen Hintermänner in der dito Stube versammelt hätte; den schandhaften Beweis haben die Republikaner in Kongress und Regierung gerade erst so überzeugend wie erwartbar angetreten. Dennoch ist - bis zum Beweis des Gegenteils, woran ich gar nicht denken möchte - selbst Donald J. Trump nicht nur auf diese paar hundert nahezu ausschließlich alten, nahezu ausschließlich weißen Menschen (doch, ein paar Frauen sind dabei) angewiesen ist, wenn er im November zu einer zweiten Amtszeit gewählt werden will, sondern auf seine Fans im Lande, die MAGA-Mützenträger, die deplorables, die Menschen, die ihren Präsi bejubeln und alle anderen eingesperrt sehen wollen.

Und da kommt die Sache mit dem ebenso unermesslichen wie unerreichbaren Reichtum ins Spiel. Denn besagter Trump hat nur zwei Möglichkeiten, die Masse seiner Fans zu bespielen: Entweder fährt er hin zu ihnen, tritt vor sie und pöbelt live; das kostet Zeit und Geld. Oder er twittert. Was dann passiert, wissen wir alle.

(Nun ja, ich weiß es nur mittelbar, da ich seit Beginn meiner Zwitscherpause wirklich nur noch beruflich ins Twittotop gucke, und dank einer recht hartnäckigen Erkältung - no corona! - seit einer Woche gar nicht mehr…)

Wenn nun jemand (sprich: nicht ich) wirklich sehr viel Geld und gleichzeitig eine Schwäche für echte Demokratie hätte, müsste dieser Jemand einfach nur das Privatunternehmen Twitter kaufen und von heute auf morgen dicht machen. Schon wäre weitgehend Ruhe im Karton. Mit der Presse spricht Trump ungern, und seine Fans bekämen es ohnehin nicht mit, weil sie statt Nachrichten lieber Fox News gucken.

Man wird doch noch träumen dürfen…

Ja. OK. Wird nicht passieren. Aber ich finde es schon bemerkens- und durchaus einer kritischen Überprüfung wert, dass ein Privatunternehmen den Haupt- und in diesem Falle wirklich auch Staatskommunikationskanal eines Politikers darstellt, der zwar nicht mit der Mehrheit der abgegebenen Stimmen in sein Amt gewählt worden ist, dank der quirks des US-Wahlsystems aber auf demokratischem Wege ins Amt gekommen ist.

Dass das gleiche Privatunternehmen - das ist nur eine Beobachtung von mir, aber eine, die sich ggf. auch beweisen ließe - sehr gut davon lebt, undemokratischen Gedanken, rechtsextremen Meinungen und purem Hass ein Forum zu geben und sich zuletzt zusammen mit Facebook sogar aktiv weigert, erkennbar manipulativ geschnittene Videos (manche sagen fake news dazu) zu löschen (weil sie von besagtem Präsidenten geteilt wurden? Weil sie diesem Präsidenten in den politischen Kram passen? Weil sie womöglich sogar den angeblich komplett unpolitischen Privatunternehmen in die heimliche Agenda passen???), macht die Sache nur noch bedenklicher.

Ja, in den Vereinigten Staaten von Amerika hat jeder das Recht, seine Meinung frei zu äußern. Es hat durchaus nicht jeder das Recht, seine Meinung auf jedem beliebigen Kanal verbreitet zu bekommen, aber das ist nun mal das Geschäftsmodell von Social-Media-Unternehmen. Aber… ABER:

Wir sollten uns nicht mehr damit zufrieden geben, diese Unternehmen nur nach ihrem Umgang mit Kundendaten zu verurteilen bewerten, so grausig der auch ist. Wir sollen zunehmend darauf achten, ob diese Unternehmen entgegen eigener Bekundungen nicht doch eine politische Ausrichtung haben, und ob der selbstverstärkende Populismus in diesen Ecken des Netzes wirklich nur ein unerfreulicher Nebeneffekt der Algorithmen (die man ja ändern könnte, wenn es nicht dem Geschäft schaden würde…) ist.

Als einer, der sein Studium der Kommunikationswissenschaften kurz vor knapp geschmissen hat, warte ich jetzt gespannt auf medienwissenschaftliche Studien zu diesem Thema.

Konstantin Klein / Konstantin