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Verlage!

Bevor wir über euch, Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, reden, sprechen wir kurz über mich. Ich bin ausgebildeter, hauptberuflicher und fest angestellter Journalist. Insoweit habe ich alles Verständnis dieser Welt dafür, dass andere in dieser Branche ebenfalls von ihrer Arbeit leben wollen, und ich finde es - obwohl Rädchen im öffentlich-rechtlichen System - absolut korrekt, dass privatwirtschaftlich organisierte Medienunternehmen ebenfalls von der Arbeit ihrer Mitarbeiter leben und dabei noch Profit machen wollen.

Und damit wären wir bei euch, Zeitungs- und Zeitschriftenverlage. Denn es ist ja nicht unser Problem, dass ihr euch (und uns) seit eurem Bestehen in die Tasche gelogen habt, was euer Geschäftsmodell angeht. Schon in der Schule (nun ja, also in der Journalistenschule) habe ich gelernt, dass der Kaufpreis eurer Produkte mehr oder weniger gerade die physischen Bereitstellungskosten dieser Produkte (also Druck und Vertrieb) deckt, dass alles andere (also die journalistische Arbeit ebenso wie eure Investitionen und natürlich auch das gute Leben aller, die davon profitieren) schon seit Jahrhunderten durch Werbung und - etwas weniger lang - auch durch den Handel mit den Daten eurer Kunden erwirtschaftet wurde; letzteres, also das Listenprivileg wurde effektiv übrigens ausgerechnet mit der Datenschutz-Grundverordnung beendet.

Dass nun das Geschäft mit der Werbung ganz brutal weggebrochen ist oder genauer: durch die disruptive Digitalisierung ebenso wie durch das disruptive Geschäftsgebahren von Google & Co. ganz brutal weggebrochen wurde, ist bitter; das steht außer Frage.

Zeitgemäße Lösung

Ebenso bitter ist aber IMHO, dass ihr auf diese Herausforderung im Grunde nur die Lösungen gefunden zu haben scheint, die euch die Disruptiven vorgemacht haben. Den altmodischen Handel mit den Daten eurer Kunden hat euch die DSGVO weggenommen, also versucht ihr es halt mit der Datensammelei der neuen Art.

Wie ich darauf komme?

Ich bekenne: Ich nutze die Möglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen, um das Abgreifen meiner Daten auf ein Minimum zu beschränken. Ich nutze Datensammler gar nicht (Facebook, Instagram) oder so selten wie möglich (Google-Dienste), und ich nutze im Browser Erweiterungen wie Ghostery oder DuckDuckGo Privacy Essentials für Chrome und für Firefox, die mir sagen, was bestimmte Webseiten (sprich: eure, liebe Verlage) über mich und vor allem mein Surfverhalten wissen wollen. Darüber hinaus gehört bei jedem Browser, den ich benutze, dazu, die Verwendung von third-party cookies sofort zu blockieren.

Seit ein paar Tagen benutze ich jetzt versuchsweise Brave, einen Browser auf Chromium-Basis, der sich auf Adblocking und Trackblocking spezialisiert. Brave ist insoweit ein, sagen wir: diskussionswürdiges Angebot, als dass es die eine zweifelhafte Art, Geld zu verdienen, durch eine andere zweifelhafte Art ersetzen und statt der schon vorhandenen Werbung auf Webseiten eigene Werbung einblenden will. Über diese Praxis regen sich amerikanische Medienhäuser zu Recht auf, aber die Funktion lässt sich (noch) abschalten, und was bleibt, ist ein Browser mit eingebauten Ad- und Trackblocking.

Und wisst ihr was, Zeitungs- und Zeitschriftenverlage? Brave verrät mir auch, wie ihr versucht, die Leser eurer Nachrichtenseiten zu überwachen.

Süddeutsche Zeitung: 7 cross-site trackers blocked
Frankfurter Rundschau: 8 cross-site trackers blocked
ZEIT online: 13 cross-site trackers blocked
FAZ.net: 13 cross-site trackers blocked
Berliner Zeitung: 21 cross-site trackers blocked
BILD.de: 24 cross-site trackers blocked, bevor die Seite merkte, dass ich mit einem Adblocker unterwegs bin, und ganz dicht machte - auch kein Verlust
WeLT: 27 cross-site trackers blocked
SPIEGEL ONLINE: 65 cross-site trackers blocked

Der Fairness halber habe ich auch diese Seiten be- und untersucht:

tagesschau.de (werbefrei): 3 cross-site trackers blocked
heute.de (werbefrei): 5 cross-site trackers blocked
und natürlich auch die meines eigenen Arbeitgebers DW.com: 6 cross-site trackers blocked auf der deutschen, werbefreien Seite; die englische Ausgabe, die mit Werbung experimentiert, setzt 8 Tracker ein.

Ein Vergleich mit den DuckDuckGo Privacy Essentials als Firefox-Add-on zeigt, dass Brave da vielleicht ein wenig hysterisch reagiert: Die Privacy Essentials zeigen erheblich geringere Anzahlen von Trackern an, aber das Bild ist das gleiche: Die Tagesschau trackt am wenigsten, der Spiegel mit Abstand am meisten.

Deshalb also…

Ihr seht also, Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, warum ich euer Gejammer über die bösen, bösen Datensammler von der anderen Seite des Atlantik zumindest scheinheilig finde. Und ihr solltet sehen, warum in Zeiten der Datensammelwut der Einsatz von Trackblockern nichts als Notwehr derer ist, die auf ihre Daten aufpassen und sie nicht jedem in die Hand drücken wollen.

Ach ja, wenn wir schon über Geld sprechen: Ich bezahle durchaus für das eine oder andere journalistische Angebot auch in der digitalen Fassung Geld.

Über das Adblocking sprechen wir dann ein ander Mal, gell?

Kommentar

Axel Becker weist mich auf ein grobes journalistisches Versäumnis hin (ohne es als solches beim Namen zu nennen, obwohl ich es verdient hätte). Ich habe nämlich in meiner Abneigung gegen das umstrittene Geschäftsmodell die Funktion mit den von Brave eingefügten Anzeigen abgeschaltet und nicht getestet, wie das eigentlich aussieht - u.a., weil es in diesem Text gar nicht darum geht. Aber wenn er sich schon die Mühe macht, soll sein Hinweis hier berücksichtigt sein:

Zum Thema Brave-Browser schreiben Sie, dass man “statt der schon vorhandenen Werbung auf Webseiten eigene Werbung einblenden will.”

Das klingt für mich so, als würde in Brave an den Stellen, an denen bisher Werbung platziert wurde, eigene Werbung geschaltet. So ist es aber nicht. Ob das einmal geplant war, weiß ich nicht. Vielleicht hat man dann zurückgerudert, scheint mir aber sowieso viel zu aufwändig von der Idee her zu sein.

Was passiert, ist, dass am unteren rechten Browserrand ab und zu ein kleines Textfenster auftaucht, in dem auf ein externes Angebot hingewiesen wird. Das ist recht unaufdringlich. Klickt man dann darauf, öffnet sich das entsprechende Angebot in einem neuen Tab, schließt man das Textfenster oder wartet, passiert nichts. Die ursprüngliche Internet-Seite wird also in keiner Weise verändert oder ergänzt. Ob diese Werbung von der aufgerufenen Seite abhängig ist, weiß ich nicht, den Eindruck hatte ich allerdings nicht. Das Angebot ist momentan auch noch inhaltlich recht beschränkt.

Und das ist wirklich unauffällig, so unauffällig, dass ich schon den ganz großen blauen Pfeil auf den Screenshot von Axel Becker nageln musste, damit die Werbung überhaupt sichtbar ist:

Screenshot von Axel B.: von Brave eingefügte Werbung

Weiter schreibt Becker über die Möglichkeit der Micropayments, mit denen Brave das Anzeigenwesen im Netz verändern will - aber das wäre nun wirklich eher was für einen ausführlichen Brave-Test (was dieser Text nicht ist und auch nicht sein soll).

Konstantin Klein / Konstantin