Zum Inhalt springen

Über den Hass

Gedruckter Hass: “Der Stürmer” (Foto: Bundesarchiv, Bild 133-075 / Unbekannt / CC BY-SA 3.0 de, Link)

Zugegeben: Die Tagesschau war nie eine Unterhaltungssendung, und sie ist selbstverständlich auch nicht so gemeint. Aber die Freude am abendlichen Nachrichtenritual lässt bei mir gerade in den letzten Jahren rapide nach. Denn was sehe ich jeden Abend um 20:00 Uhr? Hass.

Ich sehe - vor der Wahl und danach auch noch - Wahlkampfveranstaltungen von und für Donald Trump, auf denen die Menge hasserfüllt “Lock her up!” brüllt und damit Hillary Clinton meint, gegen die bis jetzt kein Urteil vorliegt, aufgrund dessen sie ins Gefängnis müsste.

Ich sehe Demonstrationen von Pegida, AfD und allem dazwischen, auf denen man dumpf und stumpf “Merkel muss weg” skandiert - als gäbe es dafür nicht einen Weg, den man “Wahlen” nennt, die man allerdings blöderweise gewinnen müsste - und davon fantasiert, die ganze politische Klasse mit der Ausnahme der eigenen Parteigänger “an die Wand zu stellen”.

Ich sehe übrigens auch diese “eigenen” Parteigänger, wie sie im Bundestag ebenso wie außerhalb verächtlich bis hasserfüllt über die sprechen, die sie und ihre Wähler nicht “in unserem Land” haben wollen. Und nein, man kann nicht darüber streiten, ob Vokabeln wie “jagen” oder “entsorgen” nur politische oder gar satirische (ha!!) Überspitzung darstellen. Das tun sie nicht, sie sind Vokabeln des Hasses (mit einer entschuldigenden Verbeugung an “richtige” Jäger, also die Leute, die frühmorgens durch den Forst stiefeln und meist gar nicht schießen - ich weiß, dass ihr Motiv nicht der Hass ist).

Und schließlich sehe und höre ich, wie Menschen sich einzeln oder in Gruppen mit Waffen vom Messer bis zur Bombe verletzen oder töten, und neben Dummheit und Verblendung kann ich mir nur ein Motiv für derartiges Verhalten vorstellen: Hass.

Was ist Hass?

Das ist, so seltsam es sich lesen mag, keine rhetorische Frage. Denn wenn ich mich am Abend durch die Tagesschau quäle, versuche ich durchaus zu verstehen, was in den Köpfen der Menschen auf der Trump- oder AfD-Versammlung, am Grenzzaun am Gazastreifen oder am Schauplatz des jeweils aktuellen Anschlags vorgeht.

Was bewegt diese Menschen, die Gesichter ins Aggressive oder auch nur Doofe zu verziehen, dumpfen Blödsinn zu gröhlen oder schlimme Taten zu begehen? Ich weiß, dass man es “Hass” nennt - aber ich weiß echt nicht, wie das funktioniert.

Emotionen sind mir nicht fremd. Ich bilde mir im 60. Lebensjahr ein, mehr oder weniger zu wissen, was Liebe ist, ich habe eine ungefähre Vorstellung von Angst, ich genieße Euphorie, wo und wann immer es geht, und ich kenne auch weniger lobenswerte Gefühle wie Neid oder Verachtung. Aber wann immer ich darüber nachdenke (und nicht nur in der Vorbereitung dieses Textes), kann ich mich nicht ums Verrecken daran erinnern, jemanden so richtig gehasst zu haben - nicht das Arschloch, dass mir im zarten Studentenalter die Frau weggeschnappt hat, nicht den Menschen, der mir im Kampf gegen die Sucht das Leben vorübergehend zur Hölle gemacht hat, nicht die Soldaten der anderen deutschen Armee, die ich in meiner Zeit in Uniform ohnehin nie zu Gesicht bekommen habe, und schon gar nicht Vorgesetzte beiderlei Geschlechts, die anderer Meinung waren als ich und mich Dinge tun ließen, die ich aus diesem oder jenem Grunde lieber nicht getan hätte. Für all diese Menschen habe ich selten liebevolle Gefühle entwickelt - aber Hass? Hass, der mich dazu brächte, dem Gegenüber alles Schlechte zu wünschen oder gar zuzufügen? Ach Quatsch.

Schlägereien sind nicht mein Ding, Mordpläne schon gar nicht, und sogar, wenn ich mich für eine gute Sache (was immer das sein mag) öffentlich zusammenrotte, komme ich mir beim “Nazis raus!”-Rufen vor allem albern vor, so dass ich nur ganz leise mitrufe und hoffe, dass mich keiner gesehen hat.

Das macht mich nicht zu einem besseren Menschen. Aber es lässt mich jeden Abend vor der Tagesschau (und natürlich auch tagsüber, in der Redaktion) unsanft verzweifeln.

Die Gründe

Ich bin ja nicht blöd (nein, wirklich nicht). Und deshalb kann ich mir auch ohne eigene Erfahrungen durchaus vorstellen, wie Hass entsteht: Neben dem Gefühl des Zukurzgekommenseins, dem Gefühl des Ausgeschlossenseins und natürlich dem Gefühl der Macht, das aus dem Zusammensein mit gröhlenden, drohenden Gleichgesinnten entsteht, ist es m.E. vor allem Angst: Angst um die eigene Existenz, Angst vor dem, das man nicht kennt, Angst vor der eigenen Sexualität (ja klar, die Angst vor angeblichen “gruppenvergewaltigenden Männern” kommt aus genau der gleichen Ecke wie die Angst, mit einem Schwulen oder einer Lesbe in zu nahen, gar körperlichen Kontakt zu kommen), Angst vor Veränderungen, Angst vor dem Unvertrauten.

OK, Angst kann ich bis zu einem gewissen Grad verstehen. Angst ist eines der Gefühle, die - wenn ich mich recht erinnere, ohne in der Wikipedia nachzusehen - im “Reptiliengehirn” eines jeden von uns entsteht und über Jahrmillionen für den Bestand und die Weiterentwicklung der Arten gesorgt hat. Angst an sich, unreflektierte, “tierische” Angst ist verständlich.

Meine Probleme habe ich nicht mit der Angst der anderen, sondern mit der Unreflektiertheit. Die kann ihre Gründe durchaus darin haben, dass nicht jeder Mensch wirtschaftlich oder intellektuell es sich leisten kann, über sich und seine Angst nachzudenken und etwas daran zu ändern.

Die dagegen, die das nicht nur können, sondern auch mit Angst operieren, Angst gezielt erzeugen, Angst ihr zerstörerisches Werk tun lassen, nur um ihre eigenen Bedürfnisse nach Macht, Geld oder beidem zu befriedigen - also die Gaulands und Wedels, die Bannons, Boltons, Trumps und Pences, die Kims, Assads, Netanjahus, Salvinis und Le Pens, die Putins und Erdogans und Orbans und Farages dieser Welt, die es zu ihrer Aufgabe gemacht haben, anderen Angst zu machen, um so das Zusammenleben auf diesem geplagten Planeten noch schwieriger zu machen und ggf. in einer Katastrophe enden zu lassen…

OK, ich fange den Satz nochmal an: All die, die die Angst der anderen zum Mittel für den eigenen Zweck machen, sind nahe dran, ein Kunststück fertigzubringen und in mir sowas wie Hass zu erzeugen, den ich dann plötzlich sehr gut verstehe - und doch machtlos hinunterschlucke.

Kommentar

Lange Texte rufen offenbar lange Kommentare hervor (oder gar keine). Peter schrieb am 31.5. um 18:07:

In fact, the daily overdose of hatred that is poured over all of us on a 247 basis has made me decide around the time I turned 65 a few years ago that I would spend no more time dealing with that then was strictly necessary.

Consequently, I’ve banned all television programmes that deal with (the consequences of) hatred, violence, terror etc out of my daily life. The operative word here is television. It started to bother me (more than when I was younger) to be confronted with the often explicit imagery of the horrors of war and terror. I started losing sleep over having seen those images.

And while legitimate journalism has an obligation towards the public, their (often restrained) efforts are now almost always ‘supplemented’ by those at the scene with a smartphone. It’s particularly that latter category and its uncensored appetite for anything that looks ‘newsworthy’ (read: sensational) that finally drove me away from the mainstream daily TV news programmes.

For good measure, I’ve also disengaged myself from news or politics related talk shows, news background discussion programmes and the like. My sole source of information has been various RSS feeds originating from trustworthy news organisations around the world, BBC World News being prominent amongst those. I now only read the headlines, but not see the related bloodbaths or hear the screams or the vitriol. That’s more than enough for me.

Luckily I did not have to unsubscribe myself from such popular, but mostly untrustworthy ‘news’ sources such as Facebook, Twitter et al. No social media for me, the ‘regular’ internet is just fine.

Looking back on that decision now for some two years, I’ve not for a single moment felt disconnected in any way from daily reality. I still know exactly what a rotten place the world is, but I’m not losing as much sleep over it as before. And, perhaps most surprisingly, it didn’t take much time to get used to.

Mich von Fernsehnachrichten und anderen Fernsehsendungen komplett zu verabschieden, ist für die nächsten fünf bis sechs Jahre leider keine Option - solange, wie ich für ein Medienunternehmen arbeite, das eben auch Fernsehen produziert (Ein heftiges ‘tschuldigung an die Kollegen für die Formulierung “auch Fernsehen”…).

Von dem Strom an Unsinnsnachrichten auf Facebook habe ich mich verabschiedet - und bin mir immer wieder unsicher, wie lange ich das aus beruflicher Sicht durchhalte. Wann immer es um Inhalte der Kollegen geht, die auch für die Facebook-Accounts ihrer Redaktionen produzieren, bin ich außen vor und muss jemandem mit Facebook-Account über die Schulter gucken. Wahrscheinlich muss ich mir nach der Komplettlöschung meines FB-Accounts vor einigen Monaten doch wieder einen zulegen, den ich dann rein beruflich nutze. Das wird ein Spaß!