K[journ]

Konstantin Klein

Irgendwie doch ein Blog. Oder so.

3 Minuten

Vor ein paar Wochen phantasierte ich vor mich hin, was ich mit ein paar Milliarden (die ich nicht habe) anfangen würde: Ich würde Twitter kaufen, den Laden dichtmachen und damit Trump und der ganzen rechten bis rechtsextremen Blase den Strom der Pöbeleien abdrehen. Das war nicht originell, das war nicht witzig, und das war innerhalb der letzten Wochen von der Wirklichkeit mühelos eingeholt worden - nur, dass natürlich nicht ich die Milliarden übrig hatte, sondern der Hedgefond Elliott Management Group, dessen Chef Paul Singer nicht nur Twitter-Boss Jack Dorsey loswerden will, sondern auch ein Trump-Fan und Unterstützer der Republikaner ist.

Womit die Idee, Donald J. Trump seinen Lieblingskanal, im Grunde sogar neben den furchtbaren Trump-Rallies seinen einzigen Kanal in die Öffentlichkeit wegzunehmen, eine Schnapsidee geblieben ist.

Wir haben es jetzt also, wenn wir Facebook dazurechnen, weltweit mit zwei sozialen Netzwerken zu tun, die (trotz wiederholter anderslautender Beteuerungen) nicht die geringsten Probleme damit haben, als Vervielfältiger von unkontrollierten Lügen und anderen Unwahrheiten, Verschwörungstheorien und Hassrede zu dienen, vom US-amerikanischen Präsidenten bis hinunter zu armen Irren, die ihren Sinn im Leben nicht gefunden haben und auch nicht mehr finden werden.

OK, das ist free speech. Und es ist wohl gut, dass es sowas in Demokratien und auch ein klein wenig darüber hinaus gibt. So weiß man wenigstens, was bei anderen in dieser Gesellschaft dort vorgeht, wo wir bisher immer ein Gehirn angenommen haben.

Und wir können uns über Dummheit, Lüge, Hass aufregen nach Herzenslust, indem wir #aufschreie fordern und fördern, die Tweets, die Grund unseres Unmutes sind, retweeten und so weiterverbreiten und uns dann empören, wenn sich in den Kommentaren nicht nur die zu Wort melden, die guten Sinnes (sprich: unserer Meinung) sind.

Tun oder lassen

Wir können es aber auch lassen und damit unserer jeweiligen Seele etwas Gutes tun. Wir müssen uns nicht über den politischen, geistigen und moralischen Müll aufregen. Wir können unsere Facebook- und Twitter-Accounts ruhen lassen oder sogar kündigen - zumindest im Privatleben, wenn es der Job schon nicht zulässt. Wenigstens der eigenen Seele tut’s gut, auch wenn es den Betreibergesellschaften solcher Plattformen herzlich wurscht sein dürfte.

Was das Wissen um das Denken der Hassprediger angeht, das ich gerade vor drei Absätzen noch als nützlich bezeichnet habe: Inzwischen wissen wir nur zu gut, was die Hassprediger denken, und wenn ein neuer Hassprediger mit neuem Hass auf den… ja: Markt kommt, erfahren wir es noch rechtzeitig genug, auch ohne uns täglich aufregen zu müssen.

Ja, das ist meine Empfehlung, um das Wort Boykottaufruf erst in zweiter Linie in den Mund zu nehmen. Der Mensch ist auch im 21. Jahrhundert nicht auf Twitter und Facebook angewiesen. Es gibt Alternativen von dezentralen Netzen bis hin zur Eckkneipe, wo man weniger unangenehme Zeitgenossen treffen und sich besser unterhalten kann. Und das sage ausgerechnet ich, ein Teilzeit-Soziopath (den Ausdruck habe ich aus einem Newsletter des Chefredakteurs der SZ geklaut, weil er mir so gut gefällt. Der Ausdruck.).

Ihre Meinung dazu?

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