Zum Inhalt springen

Schmelzpunkt

38 Grad zeigte das Außenthermometer an der Wand des Alten Abgeordneten-Hochhauses (heute Teil des UN Campus in Bonn) an, als ich das Funkhaus verließ. 27 Grad zeigte mir das Thermometer dann zuhause im allerdings seit Wochen konsequent abgedunkelten Schlafzimmer. Und der Kater, himself auch kein junger Hupfer mehr, liegt lang ausgestreckt auf dem Fußboden und wundert sich leise, dass ich es ihm nicht gleichtu.

Das würde ich ja auch, wüsste ich nicht, dass der Kater, wenn es um das lässige Herumfläzen geht, in einer ganz anderen Klasse spielt als ich. Das heißt aber nicht, dass ich nicht gemerkt hätte, dass es heiß ist in diesem unseren Lande.

Meteorologie und Arbeitsrecht

Natürlich ist die Dauerhitze dieses Sommers Dauerthema auch in meiner Redaktion. Wechselseitig gesteht man sich ein, dass einem zum Thema “Hitze” nix mehr einfällt, flucht über die Architekten und Bauherren des Funkhauses, die das Projekt offensichtlich in einem kurzen, harten Winter konzipiert hatten, diskutiert, ob Büroarbeit jenseits der 35 Grad aufgrund des Arbeitsrechtes, des Tarifvertrages oder überhaupt nicht eingestellt werden dürfe, und holt sich in regelmäßigen Abständen eine weitere Flasche Mineralwasser, die der Arbeitgeber bereit stellt - lauwarm, denn lauwarm (blerks!) sei bei Hitze besser, lässt die Betriebsärztin im Intranet wissen und hat wahrscheinlich recht.

Meteorologie und Langzeitgedächtnis

Heute ist heute, und früher war es auch heiß - nur woanders. Wenn mich meine angeschmolzenen Hirnzellen und das darin untergebrachte Langzeitgedächtnis nicht täuschen, fühlt sich Bonn im Jahr 2018 ungefähr so an wie der langjährige Urlaubsort der Kindheit in der Toskana. Dass die Stadtverwaltung ein Herz für Platanen hat und die überall hinstellt, und dass vor allem der männliche Bonnbewohner zu kurzen Hosen und Sandalen tendiert, mag den mediterranen Eindruck verstärken. Aber das ist es nicht allein: Der Matschbirneneffekt, der Durst nach kalter, sauerherber Limonade und das Verlangen nach einer foccaccia ripiena auf die Kralle - die es hier leider nicht in der aus Viareggio gewohnten Qualität gibt - sorgen für ketzerische Gedanken: Wenn das die Erderwärmung ist, dann sparen wir uns eben die knappen 800 Kilometer Luftlinie und freuen uns, dass der italienische Sommer netterweise hierhergekommen ist.

Leider hat uns der SPIEGEL in der aktuellen Ausgabe nicht nur den Unterschied zwischen Hitze und Dürre erklärt (“Hitze gut, Dürre schlecht”), sondern auch offengelassen, ob es da nicht doch einen Zusammenhang zwischen Hitze, Dürre und eventuell sogar Erderwärmung gibt. Also freuen wir uns eben nicht uneingeschränkt darüber, dass der mediterrane Sommer jetzt hier zuhause ist, sondern widmen Landwirten, Kraftwerksbetreibern und Binnenschiffern unsere solidarischen Gedanken. In Viareggio haben sie übrigens heute einen mitteleuropäisch samtigen Sommertag von 29 Grad - und schon wieder gibt es einen Grund, dorthin fahren zu wollen.

Die Frage zum Abschluss

Bleibt die Frage, warum ich das alles hier so aufschreibe. Das hat, versteht sich, mehrere Gründe:

  • Es ist zu heiß, um an etwas anderes zu denken.
  • Es ist zwar schon drei Wochen am Stück (boh!) heiß, aber anderswo auf der Welt ist das Klima um Klassen extremer, also worüber regen wir (mit Ausnahme der Landwirte, Kraftwerksbetreiber und Binnenschiffer) uns eigentlich auf?

PS: Das Netz, das ja angeblich alles über uns weiß, verfolgt mich seit der Veröffentlichung dieses Textes mit Anzeigen der Website schneehoehen.de und der Frage: “Wieviele Pisten haben heute in Zell am See Kaprun geöffnet?”

Ja, wieviele wohl?