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Ohne mich. Diesmal...

Es ist kalt in dem Teil der Bundesstadt (Bonn), in dem ich wohne. Ich sitze in meinem Arbeitszimmer und bin froh, dass die Heizung heizt. Und ich lese die ersten Nachrichten von der re;publica 2019, der ersten (und vermutlich letzten) re:publica, in der der Doppelpunkt durch das Semikolon ersetzt wurde. “tl;dr” - das Thema.

Im Rückspiegel:

Laut Wikipedia nahmen an der ersten re:publica vor zwölf Jahren 700 Menschen allerlei Geschlechts teil. Ich war nicht dabei; während die Macher sich auf die erste “Blogger-Konferenz” (doch, so nannten Leute das damals, ernsthaft!) vorbereiteten, bereitete ich mich auf meine zweite Ehe vor. Letztlich war die re:publica erfolgreicher.

Bei der zweiten re:publica war “Die kritische Masse” (so der Titel) mit mehr als 800 Besuchern noch längst nicht erreicht - unter anderem, weil ich sie mir immer noch aus der Netznähe, aber nicht vor Ort beguckte. Meine Entschuldigung von damals habe ich vergessen. Ach ja - ich war verreist.

2009 dann “Shift happens”, die erste r:p, zu der ich in einer wagemutigen Straßenbahnfahrt von zuhause aus (ich sage nur: M1! Was immer das heißen soll.) anreiste. Ausverkauft mit etwa 1500 Besuchern, durchaus überschaubar, es wurde schon ein bisschen eng, das WLAN streikte meist (für r:p-Veteranen keine Überraschung), und ich beschloss: Hierher komm ich jetzt öfter.

Ein Entschluss, den ich 2010 (2700 Besucher) schon wieder vergessen hatte. Erst 2011 (3000 Teilnehmer, unangenehme Staus auf der Treppe in der Kalkscheune, heftig diskutierte Gründung der Digitalen Gesellschaft e.V.) wieder dabei - und zum ersten und bisher einzigen Mal in einem Panel (zum Thema “Shitstorm”, mit Carolin Buchheim, Jens Scholz, Bov Bjerg - und wer war da noch mit dabei? Das Gedächtnis…). Die halbe Stunde, die ich Klaustrophobiker auf der Treppe im Stau stand, brachte mich übrigens zum Entschluss: Hier kommste erst wieder her, wenn mehr Platz ist. Oder weniger Leute.

Pustekuchen. Die r:p-Organisatoren hatten mein Fluchen zwar erhört und zogen 2012 in die Station Berlin um, aber ich versuchte in diesem und den nächsten beiden Jahren, meine Ehe, meine Gesundheit und überhaupt alles außer der digitalen Welt zu retten. Stand bis einschließlich 2014 also: Acht re:publicas (oder res:publicae?), zweimal dabei. Für einen Berliner eigentlinx eine Schande.

2015ff. war dann alles anders. Zu “Finding Europe” und “TƎИ” ließ mich meine damalige Chefin einfach so, zum Zuhören, Mitreden, Gucken, Staunen und Lernen - und ganz ohne Berichtspflicht, was für einen Journalisten so schön wie Urlaub ist. Nein, noch schöner. Das ganze lief als Fortbildung, und ich fand’s toll.

2017 war das dann wieder vorbei. Die Chefin hatte gewechselt, und was noch schlimmer war: der Wohn- und Arbeitsort. Eine Fortbildung, die ich mit S- und U-Bahn erreichen konnte, ging wohl noch so an. Aber mit Anreise von Bonn und mehrtägigem Hotelaufenthalt war ich meinem Arbeitgeber wieder Frondienste Berichte von “Love Out Loud!” und “POP” schuldig - und lieferte sie auch (hier, hier, hier oder auch hier). Und weil man ja nicht mehr der Jüngste ist, lag ich am dritten Tag der 2018er r:p mittags völlig fertig auf dem Hotelbett und guckte mir den Rest im Livestream an.

Tscha. Und in diesem Jahr hatte ich es besonders schlau geplant und für die Zeit der r:p19 Urlaub genommen. Und mich auf drei Tage in Berlin gefreut. Und mich dann nicht mehr gefreut, weil ich an die erwarteten 9000 Besucher vom letzten Jahr dachte, die dann gerüchteweise 18.000 wurden, und an den halben Tag, an dem ich von einer Veranstaltung “over capacity” zu anderen, ebenfalls “over capacity” hetzte, und daran, dass die r:p schon nach eigenen Aussagen auch über die Station Berlin hinausgewachsen war. Und ich sagte meine Berliner Verabredungen wieder ab (sorry an alle Betroffenen), stornierte Ticket, Bahnfahrt und Hotel - und überlege jetzt, wie es im kommenden Jahr werden soll. Noch größer? Noch mehr Leute? Noch weiter over capacity? Ich weiß nicht…

Egal: Ihr, die Ihr dort seid (und das hier mit Sicherheit gar nicht oder erst dann lesen werdet, wenn Ihr wieder zuhause seid) - habt eine gute Zeit, lernt was, bringt die Welt ein Stück vorwärts, und erzählt mir in Euren Artikeln, Blogposts oder von mir aus auch Tweets, wie es ist, wie es war!